taz.de – Ungarische Rechtsextreme: „Verschwinde, Drecksjude!“
Fast täglich marschieren die ungarischen Rechtsextremen irgendwo im Land auf. Einen beträchtlichen Teil ihrer Mitglieder rekrutieren sie aus der Mittelklasse. Schwarze Uniformen, rot-weiß gestreifte Halstücher, eisig-starre Gesichter und Stahlgewitter-Blick. So marschieren sie im Gleichschritt die schlecht beleuchtete Straße entlang, vorn schreit der Kommandant den Takt: „Eins! Zwei! Eins, zwei, eins!“ Ein Januarabend im 8. Budapester Bezirk. Eine Hundertschaft der „Ungarischen Garde“ zieht durch das großenteils von Roma bewohnte Viertel. Anlass: mehrere Fälle von Kinder- und Jugendkriminalität. (…) Einer ihrer Führer hält eine bald anklagende, bald flammende Rede. Er malt die „Zigeunerkriminalität“ in riesenhaften Dimensionen aus, verdammt Regierung und Behörden für ihr Nichtstun, schreit nach Recht, Ordnung und Strafe. Da erkennen einige Leute in Zivil plötzlich einen „Verräter“. Es ist ein bekannter Publizist, Péter Kende. Sie fordern ihn auf zu verschwinden, das sei eine „Veranstaltung für Ungarn“. Kende bleibt stehen. „Verschwinde, Drecksjude!“, schreien sie, „stinkender Zigeuner!“ Irgendwo hinten brüllt ein Mann: „Steckt ihn in den Zug, ab in die Kammer!“, spielt er auf die Deportation der Juden nach Auschwitz an. Als die Leute beginnen, Kende zu schubsen, greifen wartende Polizisten ein und geleiten ihn aus der wütenden Menge heraus, hin zu einem Einsatzwagen. Ungarns Rechtsextreme machen mobil. Derzeit vergeht fast kein Tag, an dem sie nicht irgendwo im Land aufmarschieren, gekleidet in Fantasieuniformen mit tausendjährigen ungarischen Symbolen darauf. Die paramilitärischen Trupps heißen „Ungarische Garde“, „Nationale Wächterschar“ oder „Ungarische Selbstverteidigung“. Wenn sie nicht marschieren, weihen sie Denkmäler ein, legen Kränze nieder oder halten Brandreden, vor allem gegen die so genannte „Zigeunerkriminalität“, aber auch gegen die EU und die Globalisierung, für eine „lebenswerte Heimat“ und für ein Groß-Ungarn. Doch die Rechtsextremen machen nicht nur mit furchteinflößenden pseudomilitärischen Spektakeln von sich reden. In den vergangenen Monaten erlebte Ungarn eine Welle bisher nicht aufgeklärter, mutmaßlich rechtsextremer Gewalttaten: Anschläge mit Molotow-Cocktails und Schusswaffen auf Büros von Parteien und Wohnhäuser von Politikern, Überfälle auf Journalisten und prominente Linksliberale.