Hartwig Hohnsbein , Worüber die Reiseführer schweigen
Die »Sonneninsel« Rhodos, die »Perle des Mittelmeeres«, wie sie in diversen Reiseführern genannt wird, hat eine reiche Geschichte, die viele Spuren hinterlassen hat. Die meisten davon führen in eine Zeit, als die Insel vom christlichen Johanniterorden beherrscht wurde, von 1309 bis 1522. (…) Um die Insel »judenfrei« zu machen, vertrieb der Großmeister des Ordens, Pierre d’Aubusson, um 1500 alle erwachsenen Juden und ließ ihre Kinder gewaltsam taufen. So wurde es für die Vertriebenen zum Segen, als 1522/23 die Osmanen kamen und die christlichen Ritter von der Insel vertrieben. Die Osmanen waren nämlich im Gegensatz zu den Christen tolerant gegenüber »Andersgläubigen«. Diese konnten wieder eine Gemeinde bilden. Hinzu kamen viele Juden, die, von der Inquisition in Spanien verfolgt, auf Rhodos Zuflucht fanden. Sie bauten 1577 eine eigene Synagoge, die älteste Griechenlands. Im 20. Jahrhundert wurde das grausame Werk d’Aubussons fortgesetzt. Bis 1943 lebten die etwa 2000 Juden auf Rhodos, das 1912 Teil Italiens geworden war, weitgehend unbehelligt. Doch nach der Kapitulation Italiens Anfang September 1943 besetzten deutsche Truppen unter Generalleutnant Ulrich Kleemann die Insel und entwaffneten die italienischen Truppen, die sich verteidigten. Schon wenige Tage später erhielt Kleemann das Ritterkreuz mit Eichenlaub – ein hochdekorierter Mörder, der nie zur Rechenschaft gezogen wurde. In den folgenden Monaten war Kleemann als Kommandant von Rhodos damit beschäftigt, die Insel wieder zu einer Festung auszubauen, zum Teil genau an den Stellen, wo schon Festungsanlagen der Johanniter gestanden hatten, zum Beispiel auf dem Berg Filérimos. Vor allem aber betrieb er die Erfassung und Enteignung der Juden, um Rhodos wieder einmal »judenfrei« zu machen. Am 23. Juli 1944 wurden sie festgenommen und auf einem der letzten Schiffe, das wegen der englischen Seeblockade aus Rhodos auslaufen konnte, und dann per Bahn nach Auschwitz gebracht und ermordet.