Rassismus: Pfarrersfamilie flüchtet aus Rudolstadt
Es ist eine Chronologie des täglichen Terrors: Irgendwann im vergangenen Jahr hat Miriam Neuschäfer angefangen, alles aufzuschreiben. „Um es zu verarbeiten und für die Kinder“, sagt sie, „damit die später verstehen, was alles passiert ist.“ Die zierliche junge Frau sitzt am rustikalen Küchentisch und blättert den gelben Schnellhefter durch. Immer wieder schüttelt sie den Kopf mit den dunklen, kurzen Haaren. Zehn Seiten sind es, voll beschrieben mit schwarzem Stift. In der Schublade liegen noch viel mehr, 50 insgesamt vielleicht, schätzt sie. Erst in ausformulierten Sätzen, bald nur noch stichpunktartig hat Miriam Neuschäfer notiert, warum ihre Familie nach fast acht Jahren das thüringische Rudolstadt verlassen hat und zurückgekehrt ist in den Westen, in den äußersten Westen der Republik, nach Erkelenz im Rheinland. Sie hat den Rassismus nicht mehr ausgehalten, die ständigen Anfeindungen ganz normaler Bürger, das Gefühl, verhasst zu sein im eigenen Land. „Es war eine Flucht“, sagt Miriam Neuschäfer. „Und sie war lebensnotwendig.“ Miriam Neuschäfer hat eine indische Mutter, ihre Haut ist dunkel, wie auch die ihrer fünf Kinder. Die 32-Jährige ist am Niederrhein aufgewachsen, hat Theologie studiert, spricht akzentfrei deutsch. Ihr Mann Reiner Andreas Neuschäfer, 40, ist Pfarrer. Im Jahr 2000 bekam er die Stelle des Schulbeauftragten für Südthüringen angeboten. Der Job war attraktiv, die junge Familie hatte keine Scheu vor dem Osten. (…) „Wir könnten hier Stunden sitzen und noch ewig weiterreden“, sagt Miriam Neuschäfer, als sie ihre Aufzeichnungen überfliegt, die von Hass und Feindseligkeit erzählen. Stunden, und ihnen würden immer neue Erlebnisse und Begebenheiten einfallen, die früher oder später zu dem Entschluss führen mussten: Wir gehen. Zum ersten Mal schrillen die Alarmglocken im Jahr 2002 bei einem Gespräch mit der Kindergärtnerin des ältesten Sohnes Jannik, der heute zehn Jahre alt ist. Plötzlich ist von Integrationsproblemen die Rede. „Deine Haut ist nicht richtig“, sollen die anderen Kinder zu ihm gesagt haben – sie meiden ihn. Irgendwann steht Jannik zu Hause am Waschbecken und schrubbt seinen Arm mit der Wurzelbürste. Er will die dunkle Farbe abreiben. Später in der Grundschule geht die Hänselei weiter, sagen die Eltern. „Mama, was ist ein Nigger?“, fragt der Junge daheim. Die Mitschüler hätten gespottet: „Du bist so braun, weil du dich mit Scheiße eingerieben hast.“ Eines Tages sollen neun Schulkameraden Jannik auf dem Schulhof verprügelt haben, so schlimm, dass Reiner Neuschäfer die Polizei einschaltet. Die Schulleitung ermahnt die kleinen Schläger.
