Das Hauptquartier

Aufmärsche, Überfälle, Mordanschläge. Der Dortmunder Stadtteil Dorstfeld ist eine Hochburg der deutschen Neonazi-Szene. Und ein Beispiel dafür, was passiert, wenn sich Staat und Bürger den Rechtsextremisten nicht konsequent entgegenstellen. (…) Gut 15 000 Menschen wohnen heute in Dorstfeld, das Viertel ist eine etwas trostlose Mischung aus Fachwerkhäusern, Bergbauarchitektur und grauen Plattenbauten. Und es ist die Hauptstadt der neuen deutschen Nazi-Szene. An Laternenpfählen und Stromkästen haben Rechtsextremisten mit Aufklebern ihr Revier markiert. „Nationaler Sozialismus oder Untergang“ ist darauf zu lesen. Und: „Organisiert die Anti-Antifa“, daneben „Todesstrafe für Kinderschänder“. Jeden Tag werden Aufkleber von Passanten abgerissen, jeden Tag werden wieder neue geklebt. An eine Hauswand ist in Großbuchstaben gesprüht: „Nationaler Widerstand“, daneben das verbotene Keltenkreuz. Mehrere Neonazi-WGs haben sich in dem Stadtteil angesiedelt. Wer als Journalist nach Dorstfeld kommt, macht schnell Bekanntschaft mit der Szene. Meist dauert es nur eine Viertelstunde, bis der erste Neonazi auftaucht und zum Mobiltelefon greift. Per SMS oder über Twitter wird nach Verstärkung gerufen. Kurze Zeit später beginnt eine ganze Gruppe die Reporter auf Schritt und Tritt zu verfolgen und zu bedrohen. Sie sehen Dorstfeld als ihr Hoheitsgebiet, in dem niemand „Fremdes“ etwas zu suchen hat – kein Migrant, kein Obdachloser, kein Punk und kein Vertreter der „Systempresse“. Dortmund ist ein beängstigendes Beispiel dafür, was passiert, wenn gut organisierte Neonazi-Kader in eine Stadt ziehen, Polizei und Justiz gemächlich reagieren, auch die Bürger das Problem lange Zeit nicht wahrnehmen – und dafür, wie schwierig es ist, die Nazis wieder loszuwerden, wenn sie erst ihre Strukturen aufgebaut haben. (…) Rund 50 Neonazis bilden in Dortmund „den harten Kern“, sagt Anders-Hoepgen. Eigentlich eine überschaubare Gruppe, entscheidend sei jedoch das enorme Mobilisierungspotenzial. „Der Giemsch schickt eine SMS, und ein paar Stunden später sind 200 Neonazis aus den umliegenden Städten da“, sagt er. Dennis Giemsch. Egal mit wem man über die Dortmunder Szene spricht, jedes Mal fällt sein Name. Der Funktionär ist die unangefochtene Führungsfigur im AN-Spektrum Nordrhein-Westfalens. Schon als Teenager tauchte er bei NPD-Aufmärschen auf. Vor rund zehn Jahren begann er gemeinsam mit Berliner Rechtsextremisten, den neuen Stil der Autonomen Nationalisten unter jungen Rechtsextremen zu etablieren. Heute fungiert er als Anmelder zahlreicher Aufmärsche und Anführer des „Nationalen Widerstands Dortmund“. Vor Jahren schon rief Giemsch Autonome Nationalisten aus ganz Deutschland auf, nach Dorstfeld zu ziehen, um dort eine Hochburg zu schaffen. Er kann planen, organisieren, reden und die Leute für sich begeistern, erzählen Aussteiger. Gerne zitiert er bei Aufmärschen Adolf Hitler. Nicht viele in der Szene trauen sich das. Der Applaus der „Kameraden“ ist deshalb umso größer. Aber Giemsch ist auch Geschäftsmann und weiß, wie man mit rechtsextremer Ideologie viel Geld verdient. Sturmhauben, Stahlzwillen, Pfefferspray, Rechtsrock-CDs und Propaganda – in seinem Versand bekommt die braune Kundschaft alles, was sie begehrt. Zudem versorgt er über seinen Server AN-Gruppen mit Speicherplatz für ihre Webseiten. Seinen Versandhandel hat er mit Fördergeldern desjenigen Staates aufgebaut, den er so vehement bekämpft. Erst als Antifa-Gruppen die Behörde darüber informierten, was hinter der Ich-AG von Giemsch steckt, wurde 2009 das Geld zurückgefordert.

via tagespiegel: Das Hauptquartier

About these ads

About rudolf kleinschmidt

faschismus ist keine meinung - faschismus ist ein verbrechen fascism is not an opinion - fascism is a crime

Posted on 15.08.2012, in Dienste, Gewalt, Internet, Kameradschaft, Musik, NPD, Rechtsextremismus. Bookmark the permalink. Leave a comment.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 776 other followers