Erste Ansätze akademischer Geschichtsrevision

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Geschichtsrevisionismus ist keine neue Tendenz in der Historie. Schon Ende der 40er Jahre begannen die ersten Vertreter, zumeist Angehörige von NS-Organisationen und ehemalige Propagandisten, die Sichtweise auf den deutschen Faschismus, auf Kriegsverbrechen und rassistische Vernichtungspolitik zu revidieren. Faschistische Publizistik, Periodika und Verlage überschwemmten den Markt mit Angeboten besonders für die ehemaligen Täter. Und jedes Mal, wenn es gelang, einen Akademiker für ihre Thesen zu gewinnen, war das eine kleine Sensation im faschistischen Spektrum. Dabei war es ihnen egal, ob derjenige Historiker, Mediziner, Literaturwissenschaftler oder Jurist war, wichtig war der Titel und die akademische Reputation.

Doch hieran mangelte es in Deutschland. Zwar versuchte der Grabert-Verlag – eine Zentrale in der neofaschistischen Geschichtsrevision – mit seiner „Deutschen Hochschullehrer-Zeitung“ nicht nur ehemalige Nazis, die nicht wieder in den Hochschuldienst aufgenommen worden waren, anzusprechen. Doch selbst ehemalige Nazis, die in den Wissenschaftsbetrieb zurückgefunden hatten, vermieden es, sich durch „neuralgische Themen“ zu exponieren. Jüngere Zeitgeschichtler und Politologen waren damals, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung mit der Geschichte, weniger anfällig für geschichtsrevisionistische Thesen.

Akademische Fürsprecher des revisionistischen Ansatzes kamen zuerst vom Ausland. Zu nennen sind dabei z.B. die Franzosen Rassinier und Bardeche. Prof.Paul Rassinier, der als Wissenschaftler und mit Hinweis auf seine Haft im KZ Dora im doppelten Sinne besondere Reputation genoß, begann mit seinen Veröffentlichungen „Die Lüge des Odysseus“ und „Was nun Odysseus?“ KZ und Judenvernichtung in Frage zu stellen, während der Literaturhistoriker Maurice Bardeche schon 1950 in seinem Band „Die Politik der Zerstörung“ die Verantwortung des deutschen Faschismus für Krieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu relativieren versuchte. Auch faschismusfreundliche amerikanische Historiker arbeiteten an einer Entlastung des deutschen Faschismus für seine Kriegspolitik. Basil Henry Liddell-Hart („Die wahren Ursachen des Krieges“, 1946) und Harry Elmar Barnes („Perpetual War for Perpetual Peace“, 1953) gehörten zu ihnen. Sie wurden jedoch nur in der faschistischen Szene rezipiert.

Breitere öffentliche Resonanz – auch im akademischen Spektrum – erfuhr David L.Hoggan, amerikanischer Geschichtsprofessor, der Anfang der 60er Jahre in seinem Band „Der erzwungene Krieg“ die Verantwortung der Westmächte für den Kriegsbeginn zu beweisen suchte. Hoggans Werk wurde von nun an zur „Bibel“ der deutschen Geschichtsrevisionisten, sofort ins Deutsche übersetzt und 1961 im Grabert-Verlag herausgegeben. Basierend hierauf verfaßte Udo Walendy, selbst Diplom-Politologe und ehemaliger NPD-Landesvor-sitzender in NRW, das Pamphlet „Wahrheit für Deutschland“.

Der erste deutsche Akademiker, der sich als Geschichtsrevisionist öffentlich betätigte, war der Verwaltungsjurist Dr. Wilhelm Stäglich. Er veröffentlichte 1979 ebenfalls bei Grabert das Buch „Der Auschwitz-Mythos, Legende oder Wirklichkeit“. Im Oktober 1973 hatte er bereits als „Zeitzeuge“, nämlich als SS-Angehöriger, in dem neofaschistischen ideologieorgan „Nation Europa“, einen Augenzeugenbericht über Auschwitz veröffentlicht, in dem er die Vernichtung der Juden durch Gas leugnete. Die Verurteilung durch ein bundesdeutsches Gericht schreckte ihn nicht, seine Thesen weiter zu verbreiten. Stäglichs „wissenschaftlicher“ Standard war jedoch ausnehmend niedrig. Nicht die Auseinandersetzung mit historischen Dokumenten sondern offener Antisemitismus kennzeichnete seine Quellenkritik. So lehnt er beispielsweise jüdische Zeugnisse für die Vernichtung in Auschwitz prinzipiell ab und beharrt auf „zeitnahen Belegen“, womit er Nazidokumente meinte. Aussagen der Täter, die die Morde bestätigten, lehnt er gleichermaßen als erpreßte Beweise ab. Aufgrund seiner geschichtsrevisionistischen Aktivitäten, verlor Stäglich nicht nur seinen Job am Hamburger Verwaltungsgericht sondern 1982 auch seinen Doktortitel, der ihm von der Universität Göttingen aberkannt wurde. Nun hatte der deutsche Geschichtsrevisionismus einen Akademiker weniger.

Aus der historischen Zunft wagte sich nur der Erlanger Prof.Dr. Hellmut Diwald weiter vor. Vor dem Hintergrund der Aussage von Franz J.Strauß, daß ein Volk, das diese Aufbauleistung vollbracht habe, sich nicht immer an Auschwitz erinnern lassen müsse, betrieb Diwald in seiner 1978 im Propyläen Verlag veröffentlichten „Geschichte der Deutschen“ Aufrechnung und Relativierung der Vernichtungspolitik. Seine Kernthese bezogen auf die „Endlösung der Judenfrage“, mit der er seine Verharmlosung rechtfertigte, lautete: „Was sich in den folgenden Jahren (ab 1940 d.Verf.) tatsächlich abgespielt hat, ist trotz aller Literatur in zentralen Fragen noch immer ungeklärt.“ Die Reaktion auf diese akademische Unterstützung war für die Geschichtsrevisionisten alles andere als erfreulich. Es gab einen Sturm der Entrüstung quer durch alle Fraktionen der Historikerzunft. Diwald wurde zwar nur ermahnt, nicht entlassen, aber er galt seit dem als Unperson im Wissenschaftsbetrieb.

Doch im Zusammenhang mit der Diskussion um „Nationale Identität“ Anfang der 80er Jahre wagten sich auch andere deutsche Professoren offener auf das Feld der Geschichtsrevision. Der Bochumer Politologe Bernhard Willms forderte: „Die Deutschen müssen die >Vergangenheitsbewältigung< zu einer Sache der Wissenschaft neutralisieren. Wer Schuld predigt oder die Wunde Hitler offenhält, kämpft nicht um, sondern gegen die Identität.“ Das war mehr als nur die im politischen Alltagsgeschäft gebräuchliche „Schlußstrich-Mentalität“. Dies war die Aufforderung zur historischen Revision. Aber noch folgten diesem Appell nur wenige, wie der Göttinger Historiker Alfred Heuß und das Studienzentrum Weikersheim, das 1983 das Thema „Umerziehung und Vergangenheitsbewältigung“ zum Motto ihres Jahreskongresses erkohr.

Der Historikerstreit von 1986

Einen Aufschwung erlebte die akademische Geschichtsrevision im Kontext des Historikerstreites von 1986. Hervorgerufen hatte ihn der Berliner Politologe Ernst Nolte, der die Entstehung von Auschwitz mit den sowjetischen GULags in Verbindung gebracht und die Frage als „zulässig“ betrachtet, ob die GULags „nicht ursprünglicher als Auschwitz“, sie „das logische und faktische Prius des Rassenmordes der Nationalsozialisten“ seien. Die hieraus abgeleitete Frage der Singularität der faschistischen Massenvernichtung spaltete die Historikerzunft.

Über die ideologische Bedeutung dieses Streites war man sich schon damals durchaus bewußt, hatte doch Prof.Michael Stürmer, der ehemalige Berater von Bundeskanzler Kohl, die Bedeutung der geschichtlichen Debatte für die politische Kultur der BRD folgendermaßen auf den Punkt gebracht: Es sei klar, daß in einem Land, in dem jahrzehntelang historische Verdrängung praktiziert worden sei, in einem – seiner Meinung nach – „geschichtslosen Land“ derjenige „die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet.“

Die geschichtsrevisionistischen Ansätze erlitten zwar in dieser Diskussion eine Niederlage, ihre Wirksamkeit bewies sie jedoch auf anderer Ebene. Der wissenschaftlich wenig ertragreiche `Historikerstreit` werde nun abgelöst durch eine für die Erkenntnis des Nationalsozialismus potentiell weitaus bedeutendere Debatte, postulierte 1990 Rainer Zitelmann, Repräsentant einer Gruppe von jüngeren Historikern, denen man keinerlei biographische Nähe zum Faschismus nachsagen konnte. Die Gruppe forderte eine „Historisierung des Nationalsozialismus“. Sie wollte die Zeit der NS-Herrschaft `vorurteilsfrei’ betrachten, selbst unter der Maßgabe, dafür „Beifall von der falschen Seite“ zu bekommen.

Den ersten – damals relativ wenig beachteten – Ansatz dieses Geschichtsrevisionismus stellte der Sammelband „Reichstagsbrand – Aufklärung einer historischen Legende“ (München/Zürich 1986) dar. In diesem wissenschaftlichen Disput über Hintergründe und Theorien zum Reichstagsbrand vom 27./28.Februar 1933 wurde behauptet, die Aufarbeitung der NS-Zeit sei „mit hochgradiger emotionaler Befangenheit geschehen“ und habe „zu Verzerrungen und Verfälschungen in der Darstellung historischer Ereignisse geführt“. Außerdem wurde der Forschung eine „volkspädagogische“ Ambition der Vergangenheitsbewältigung vorgehalten. Solchen Positionen gegenüber müsse man zu einer „objektiven“ und „vorbehaltlosen“ Forschung, zur „Historisierung“ der NS-Zeit kommen, was im Falle des Reichstagsbrandes auf eine Entlastung der Nazis und eine „Alleintäterschaft“ von Marinus van der Lubbe hinausliefe. Solche „Objektivierung“ wurde nun in aller Konsequenz mit dem Sammelband „Die Schatten der Vergangenheit – Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus“ (Frankfurt/Berlin 1990, Taschenbuchausgabe 1992) in praktische Forschung umgesetzt.

Im Vorwort formulierten die Herausgeber Uwe Backes, Eckhard Jesse und Rainer Zitelmann ihre Intention:

  1. Unter dem Postulat der Historisierung solle es eine historische Forschung geben, die keine Schranken akzeptiere und damit auch einem Verdikt neofaschistischer Apologetik kritisch gegenüberstehe. Man wende sich gegen ein Verbot der Schriften von Udo Walendy oder Werner Stäglich, „welche die Massenvernichtung der Juden … in Abrede stellen“.
  2. Wer eine `Historisierung des Nationalsozialismus` fordere, müsse darauf gefaßt sein, mit dem ubiquitären Vorwurf der `Relativierung` oder `Verharmlosung` konfrontiert zu werden. Dieser Vorwurf sei seit langem ein Hemmnis freier historischer Forschung. Doch dies solle für einen Historiker nicht Schranke, sondern Herausforderung sein, denn zum Fortschritt der Wissenschaft gehöre auch und nicht zuletzt der Mut zum Unbequemen.
  3. Die Herausgeber werfen der historischen Forschung „volkspädagogische Einengung“ vor. Sie kritisieren einen „vom Postulat der `Vergangenheitsbewältigung` bestimmten moralisierenden Umgang“ mit der Geschicht, der die Forschung in manchen Bereichen immer noch durch Tabus und wissenschaftsfremde Motive blockiere und fordern, daß Rituale einer falschen Unterwürfigkeit überwunden werden müßten. Dieser Sammelband war, ungeachtet einiger solider Beiträge, faktisch die Etablierung der akademischen Geschichtsrevisionisten.

Aktuelle Tendenzen

Gegenwärtig erleben wir einen deutlichen Aufschwung der historischen Debatte um die Deutung der Vergangenheit, um die Prägung historischer Begriffe. Nicht neue historische Erkenntnisse prägen die Debatte, wenn auch manche Veröffentlichung mit „sensationellen Enthüllungen aus bisher unzugänglichen Moskauer Archiven“ locken, sondern vor allem die Versuche einer Neubewertung historischer Vorgänge und Einschätzungen zur Politik des deutschen Faschismus.

Der gegenwärtige akademische Geschichtsrevisionismus konzentriert sich dabei auf drei Ansatzpunkte:

  1. Der Versuch, den Faschismus aus sich selbst heraus zu begreifen,
  2. die Offenheit gegenüber neofaschistischer Geschichtsrevision,
  3. die Infragestellung der Kriegsschuld des deutschen Faschismus.

Im Sinne einer „vorurteilsfreien“ Forschung sollte nun der Nationalsozialismus aus sich selbst heraus verstanden werden. Exemplarisch entwickelte Rainer Zitelmann diese Methode in seiner Hitlerbiographie (Hitler, Selbstverständnis eines Revolutionärs, Stuttgart 1987), in der er sich als Freund des faschistischen O-Tons statt quellenkritischer Analyse erwies.

Es gelang ihm, die faschistische Herrschaft – ausgegehend von der Person Hitlers – von den Verbrechen des Holocaust und der Kriegspolitik zu entlasten und sie als in ihrer Zielrichtung moderne, sogar „revolutionäre“ Herrschaft zu deklarieren. Er bediente sich dabei zweier „Taschenspielertricks“, die er als wissenschaftliche Methode deklariert: Während man … schon sehr genau über Hitlers außen- und rassenpolitische Vorstellungen Bescheid wisse, seien dessen sozial-, wirtschafts- und innenpolitischen Ziele bislang kaum erforscht. Daraus folgt für ihn, die ersten beiden Bereiche schlicht aus der Untersuchung zu verbannen. Daß damit eine grundlegende Verzerrung der Realität faschistischer Herrschaft erreicht wird, muß sicherlich nicht ausführlich begründet werden. Zweitens sieht er es als seine Aufgabe, den Nationalsozialismus selbst `zu Wort kommen zu lassen`, ohne voreilige Kritik und fern von solchen Konstruktionen, die `eifervoll und engherzig lediglich Belegstellen zu sammeln erpicht seien. Sich in Hitlers Denken und die innere Logik seiner Weltanschauung ‘hineindenken`, sei ein zentrales Anliegen seiner Arbeit.

Bewußt habe er weitgehend auf eine eigene Bewertung oder moralische Beurteilung der Hitlerschen Ideen verzichtet, behauptet Zitelmann. Seine Schlußfolgerungen und die Zitatenauswahl zeigen aber, daß er allein auf kritische Anmerkungen verzichtet hat. Seine Bewertung von Hitler als „Revolutionär“, als „bewußter Vertreter der Modernisierung“, als Verfechter der „Chancengleichheit“, als früher Anhänger ökologischer Forderungen und an-derer moderner Positionen geht weit über den Rahmen einer „wertneutralen“ Beschreibung hinaus.

Statt von Aufrüstung spricht Zitelmann vom „Prozeß der Industrialisierung“, statt von Zwangsarbeit von der „Erhöhung sozialer Mobilität“, statt von Propagandamitteln von der „Entwicklung der Massenkommunikation“. Und so wird aus der Gleichschaltung und dem terroristischen Führerstaat eine „bedingte historische Tendenz zur Zentralisierung“. Hitler, so Zitelmanns Resumee, habe sich als bewußter Vollstrecker dieses Modernisierungsprozesses verstanden. Dieser Gedanke der Modernisierung ist an sich nicht neu. Schon Ralf Dahrendorf und David Schoenbaum hatten ähnliche Überlegungen in den 70er Jahren formuliert, jedoch immer vor dem Hintergrund, daß Modernisierung auf Kosten von Millionen Opfern dieser Politik durchgeführt worden sei. Zitelmann gebührt nun das Verdienst, diese Opfer weitestgehend aus der Betrachtung eleminiert zu haben.

Zitelmann – seit 1993 bei Ullstein Cheflektor für das politische Sachbuch – unterstützt Vertreter moderat revisionistischer und nationalistischer Positionen, indem er sie in das Programm integriert, beispielsweise Manfred Kittel mit der „Legende von der `Zweiten Schuld`“, und den „Antifa-Experte“ Hans-Helmuth Knütter mit der „Faschismus-Keule, das letzte Aufgebot der Linken“. Selbst den kanadische Hobbyhistoriker James Braque veröffentlicht Zitelmann mit seinem Buch „Verschwiegene Schuld, Die alliierte Besatzungspolitik in Deutschland nach 1945″, obwohl bereits der erste Band von Braque von der zeitgeschichtlichen Kritik wegen grundlegender Mängel in der Quellenarbeit verrissen worden war.

Von besonderer Qualität ist jedoch der jüngste Coup Zitelmanns, den Göttinger Geschichtslehrer Dr.Karlheinz Weißmann zum Autor der Propyläen Geschichte Deutschlands mit dem Band „Der Weg in den zum Thema NS-Zeit zu berufen. Weißmann war bisher als Autor von „Mut“, „Junge Freiheit“, als Unterzeichner des 8.Mai-Aufrufs „Gegen das Vergessen“ und geschichtsrevisionistischer Elaborate hervorgetreten. Im Studienzentrum Weikersheim war er ebenfalls ein gern gesehener Gast und soll dort, dem Vernehmen nach, auch schon Debatten über die Auschwitz-Leugnung geführt haben.

Weißmann möchte mit seiner Darstellung einen Beitrag gegen jene „Art volkserzieherischen Konsens“ liefern, den er und andere jüngere akademische Geschichtsrevisionisten – in der Nachfolge von Armin Mohler – in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft ausgemacht haben. Auch Weißmann kann sich der Faszination des faschistischen O-Tons nicht entziehen. Wie schon Zitelmann in seiner Dissertation über Hitler als „Revolutionär“ zitiert auch Weißmann seitensweise Hitler und andere Nazigrößen, wobei er sowohl in der Auswahl als auch in der spärlichen Kommentierung jegliche kritische Distanz vermissen läßt.

Diese Distanzlosigkeit gegenüber dem historischen Gegenstand bringt ganz neue Erkenntnisse über das Ende der Weimarer Republik: So habe es – nach Weißmann – im eigentlichen Sinne keine „Harzburger Front“ gegeben, diese habe nur in der Einbildung Hugenbergs existiert. Die Vorbereitung des NS-Terrors, die „Boxheimer Dokumente“ 1931 von Dr.Best, seien Pläne „für den Fall eines kommunistischen Umsturzversuches“ gewesen. Überhaupt sei die Hauptgefahr für die Weimarer Republik von der kommunistischen Bedrohung ausgegangen. Gegenüber der Behauptung der Linken, Großkapital, Großagrarier und Großbanken hätten Hitlers Machtanspruch im November 1932 unterstützt, weiß Weißmann, daß von einer im Hintergrund wirksamen Beeinflussung des Geschehens durch die Großindustrie keine Rede gewesen sein könne. In den Jahren 1933-1935 habe sich ein „scheinlegaler Umsturz“ vollzogen: „die schrittweise Aushöhlung des parlamentarischen Systems bei anhaltendem Bemühen, den Anschein von formaler Rechtlichkeit zu wahren“. Was nach Weißmann auch nur den Anschein von Rechtlichkeit hatte waren die Ermächtigungsgesetze vom Frühjahr 1933, die Verfolgung aller politischen Gegner, die Zerschlagung der Parteien und Gewerkschaften, die Gleichschaltung des öffentlichen Lebens. Die Rechtlichkeit Hitlers drückte sich dagegen darin aus, daß die Staatsorgane begonnen hätten, die `wilden’ Konzentrationslager aufzulösen, bis einige wenige `staatliche’ übrig geblieben seien. Stattdessen erfährt man: die NS-Wirtschaftspolitik war „Wirtschaftswunder und Sozialstaat“. Fast schon schwärmerisch erzählt Weißmann von der DAF/Kraft durch Freude und den Ansätzen der „Konsumgesellschaft“.

Rassismus und Antisemitsmus waren natürlich nicht zu übersehen, aber Hitler wollte so nur dem „Aufstieg“ der deutschen Juden ein Ende setzen. Weißmann stellt zwar die Massenvernichtung durch Gaskammern nicht direkt in Frage, sieht jedoch die „Endlösung“ im eigentlichen Sinne als das Ergebnis von selbstgeschaffenen „Sachzwängen“ und einem Erwartungsdruck, der durch die antisemitische Rassenideologie immer neu aufgebaut und verstärkt worden sei. Man (wer auch immer das sein soll) konnte eigentlich überhaupt nichts mehr dagegen machen.

Kriegsverbrechen der Wehrmacht sind auch von ihm nicht zu leugnen. Doch die Beteiligung der Wehrmacht an Kriegsverbrechen in der Sowjetunion habe insofern in Zusammenhang mit der außerordentlich schwierigen militärischen Situation gestanden, in der sie sich angesichts der Ausdehnung des Gebietes und der Feindseligkeit der Bevölkerung befunden habe. Weißmann wundert sich nur, daß die Völker der Sowjetunion die Okkupation nicht als Befreiung gefeiert hätten.

Den Faschismus aus sich selbst heraus begreifen, führt nicht nur zu solchen historischen Verfälschungen, sondern auch zu einer Umkehrung der Täter-Opfer-Relation. Für Weißmann waren nunmehr die Deutschen die Opfer. Sie wurden Opfer alliierter „Terrorangriffe“, eines der liebsten Themen des britischen Revisionisten David Irving, oder fielen „für Deutschland“. Folgerichtig erklärte Weißmann auch in dem Papier zum 8.Mai – „Gegen das Vergessen“, daß dieser Tag kein „Tag der Befreiung“ gewesen sei, sondern man nunmehr der „Vertreibungsopfer“ gedenken müsse. Denn niemals zuvor habe ein Volk so hart für die Untaten gebüßt, die es beging oder die doch in seinem Namen begangen wurden, resumiert Weißmann. Und wer bereits gebüßt hat, der kann sich nunmehr frei von Schuld – und damit auch Verantwortung – wähnen. Klarer konnte Weißmann sein revisionistisches Ziel nicht ausdrücken.

Mit dieser Publikation wurde der Weg der Revisionisten in die etablierte Historikerzunft geebnet. Damit er noch breiter wird, verpflichtete Zitelmann seinen Freund Prof.Eckhard Jesse als Autor des Bandes über die Jahre 1945-1949. Als Historiker hat dieser sich dafür bisher in keiner Weise ausgewiesen. Als Wegbereiter des Geschichtsrevisionismus hingegen hat er sich bereits einige Meriten verdient. In seinem Beitrag zum Sammelband „Die Schatten der Vergangenheit“, der unter dem Titel „Philosemitismus, Antisemitismus und Anti-Antisemitismus“ lief, überrascht er mit der These, daß eine – wie er sie nennt – „selbstquälerische Form der Vergangenheitsbewältigung“ eine „nachhaltige Hypothek für die politische Kultur in der Bundesrepublik“ bedeute. Jesse bereicherte die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Rassismus um eine besondere Variante. So behauptete er, daß die überzogenen anti-antisemitischen Reaktionen auf den … Ausspruch des Korschenbroicher Bürgermeisters antisemitische Stimmungen weit stärker entfacht hätten als dieser selber. Mal wieder sind die Juden selber schuld, wenn sie diffamiert und verfolgt werden. Er tritt dafür ein, die Thesen der Auschwitz-Leugner, wie Stäglich und Co., wissenschaftlich ernstzunehmen und ist dagegen, sie juristisch zu verfolgen, denn – so seine Begründung, erstens sei Bevormundung des Bürgers, dem fehlendes Urteilsvermögen unterstellt werde, kein Beleg für Liberalität; zweitens sähe sich der Rechtsextremismus bestätigt, und Außenstehende könnten glauben, an den Thesen Stäglichs sei `doch etwas dran’.

Diese Offenheit gegenüber den neofaschistischen Auschwitz-Leugnern eint Jesse mit Prof. Ernst Nolte, der quasi als spiritus rector über diesen jüngeren Geschichtsrevisionisten schwebt. Erst kürzlich formulierte Nolte in seinem Buch „Streitpunkte, Heutige und künftige Kontroversen um den Nationalsozialismus“, das im Herbst 1993 im Ullstein-Verlag erschien: Es könne die von Paul Rassinier und Robert Faurisson formulierte These nicht mehr als voll unsinnig oder bösartig zurückgewiesen werden, es habe eine `Endlösung` als ideologisch begründete Massenextermination nie gegeben und selbst das Zugrundegehen von Hunderttausenden in Lagern und Ghettos oder durch die Gewehre der Einsatzgruppen müsse im Zusammenhang mit Erfordernissen und gewiß exzessiven Wünschbarkeiten der Kriegführung gesehen werden.

In einem Spiegel-Interview vom Oktober 1994 erklärte er zur Massenvernichtung in den KZs wörtlich: „Ich kann nicht ausschließen, daß die meisten Opfer nicht in den Gaskammern gestorben sind, sondern daß die Zahl derer vergleichsweise größer ist, die durch Seuchen zugrunde gingen oder durch schlechte Behandlung und Massenerschießungen. Ich kann nicht ausschließen, daß die Untersuchung der Gaskammern auf Blausäurespuren, die der amerikanische Ingenieur Fred Leuchter als erster vorgenommen hat, wichtig ist.“ Hinsichtlich der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus „muß man“ dem Faschismus eine „Art von Größe zuschreiben“, und dann weiter: „Jedenfalls leugne ich nicht, daß es im Nationalsozialismus positive Elemente und positive Tendenzen gegeben hat.“ Seine Offenheit gegenüber den Kernthesen der neonazistischen Geschichtsrevisionisten dokumentierte er hier an verschiedenen Punkten, angefangen von der Diskutabilität ihrer Behauptungen, bis hin zur Anerkennung ihres „ehrlichen Bemühens“. Problemlos gelingt es ihm daher auch, die Kriegsschuld-Frage neu zu bestimmen. „Heute bin ich sehr skeptisch gegenüber einer Charakterisierung sämtlicher Kriege, die Hitler geführt hat, als `Überfall’,“ denn „Hitler war eben nicht nur ein Ideologe, und der Zweite Weltkrieg war tendenziell, der Möglichkeit nach auch ein europäischer Einigungskrieg.“

Mit solchen Thesen trifft Nolte auf Tendenzen in der offiziellen militärgeschichtlichen Forschung, die eine Neubewertung des Überfalls auf die Sowjetunion 1941 betreiben. Dr.Joachim Hoffmann, ehemals wissenschaftlicher Direktor der militärgeschichtlichen Forschungsstelle, trat 1995 mit einer Veröffentlichung „Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945″ hervor, in der er in Anknüpfung an Viktor Suworows „Eisbrecher“ die These zu belegen versucht, daß Hitler einem Überfall Stalins um 14 Tage zuvorgekommen sei, somit der faschistische Überfall im Grunde genommen nur ein Präventivkrieg gewesen sei. Während Hoffmann die „bestialischen Greuel“ der sowjetischen Verteidigung meint anprangern zu können, qualifiziert er die deutsche Belagerung von Leningrad als „völkerrechtlich zulässige Kriegsmaßnahme.“ Es spricht bereits für sich, daß der ehemalige NPD-Vorsitzende Adolf von Thadden unter der Überschrift „Eine Wende im Krieg der Historiker ?“ eine vierseitige lobende Rezension in „Nation & Europa“ verfaßte. Die „National-Zeitung“ verweist genüßlich darauf, daß Hoffmann sich auch als Kronzeuge gegen die „6-Millionen-Lüge“ eigne, indem er die Rechenspiele um die tatsächliche Zahl der Opfer in Auschwitz mitmache. Doch nicht so sehr die Rezeption im Neofaschismus ist für dieses Werk kennzeichnend, sondern seine direkte bzw. indirekte Akzeptanz in der etablierten Zunft. Der leitende Archivdirektor des Bundesarchiv-Militärarchiv in Potsdam, Manfred Kehrig, verfaßte ein Geleitwort zu diesem Band, Prof.Otto Roegele bezeichnet – bezugnehmend auf Hoffmann – im Rheinischen Merkur den Überfall auf die Sowjetunion als „Versatzstück politischer Rhetorik“ und der Münchener Geschichtsdozent Walter Post nahm Hoffmann als Beleg für seine eigenen Untersuchungen zum „Unternehmen Barbarossa“. Jüngst erst trat auch der „Hitler-Experte“ Werner Maser mit der These hervor, Hitler sei Stalin nur um Wochen zuvorgekommen. Dies habe er in bisher unbekannten sowjetischen Dokumenten gefunden. An diesen Beispielen zeigt sich deutlich, daß die Grenzen der etablierten Zunft gegenüber geschichtsrevisionistischen Positionen fließender geworden sind. Dabei liegt die Gefährlichkeit des akademischen Geschichtsrevisionismus nicht so sehr in seiner intellektuellen Potenz, als vielmehr in seiner Fähigkeit, sich im etablierten Geschichtsbetrieb häuslich einzurichten.

Doch nicht nur über die Literatur, auch über jüngere, nun in den universitären Strukturen etablierte Wissenschaftler finden diese Positionen Eingang in den Lehrbetrieb. Während antifaschistische Wissenschaftler abgewickelt wurden, erleben diese Historisierer gegenwärtig eine Renaissance.

Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von Dr.Ulrich Schneider, Kassel, Historiker und Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) zur Verfügung gestellt; 1-98

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