Auf dem rechten Weg im Internet

Im Zuge der Debatte um rechte Websites haben bislang einige rechtsextreme Internetseiten ihren in Deutschland registrierten Domainnamen verloren. Bundesweit für Schlagzeilen sorgte die Adresse: „heil-hitler.de“, doch auch Namen wie „bloodandhonour.de“, „nationaler-widerstand.de“, „division88.de“ oder „freie-nationale-jugend-celle.de“ wurden mittlerweile gesperrt. Szeneintern kursieren seither diverse Tips, wie der Sperrung einer Domainadresse zuvorgekommen werden kann. So raten z.B. die Betreiber der „Macht-und-Ehre“-Homepage allen, die beim Berliner Unternehmen Strato ihre Adresse registrieren ließen, „zu Puretec oder einen anderem Anbieter umzuziehen da die anderen Anbieter bis jetzt noch nicht bereit sind die rechtssradikalen .de domains zu löschen!“. Dass es sich hierbei letztendlich um einen Schaukampf handelt, zeigt ein kurzer Blick ins Internet.

Zu den Puretec-Kunden zählt neben anderen auch Sascha E. aus dem rheinland-pfälzischen Michelstadt mit dem Domainnamen „whiteworld“ (siehe [ Anmerkung ]). E. hat mittlerweile seine Homepage „stillgelegt“ und auf einen Satz reduziert: „Die Internetseite (…) wurde, dank dem Terror der BRD, vom Server genommen“. Nach wie vor im Internet zu finden sind zahlreiche Einträge von ihm in diversen rechtsextremen Gästebüchern. Dort hinterließ er bisher als „Eiti“ oder „Eiti88″, so seine E-mailadresse, zum Teil strafrechtlich relevanten Parolen.

Auch der Berliner Neonazi Frank Schwerdt gehört zum Puretec-Kundenstamm – so sind dort auf seinen Namen die deutschsprachigen Domain-Namen der „Nachrichten der HNG“ oder der „Berlin-Brandenburger Zeitung“ registriert. Ebenfalls bei Puretec ist der im Bundesverfassungsschutzbericht genannte „Kampfbund Deutscher Sozialisten“ (KDS) um den Langener Neonazi Thomas Brehl und den Berliner Michael Koth, auf den der entsprechende Domainname registriert wurde. Eine Selbstdarstellung dieser Gruppe findet sich auch im Internetangebot der „Bürgerrechtsbewegung Unser Land“ des NPD-Mitglieds Horst Mahler. Auch diese Gruppe hat – wie Mahler selbst – eine .de-Domain, eingetragen über die Firma Network Center PSI.

Auch über die Oldenburger Firma ECCE TERRAM Internet Services GmbH wurden rechtsextreme Domains registriert, darunter die des „Deutschen Freundeskreises Schwaben“ (DFS) – registriert auf den einschlägig bekannten Dennis Entenmann, der auf einer weiteren Homepage unter dem Namen „Davids Kampfgruppe“ einen Mordaufruf ins Netz stellte. Ebenfalls einen eigenen Domainnamen besitzt einer der weiteren potentiellen Verbotskandidaten: die militante Neonazigruppe „Thüringer Heimatschutz“ (THS), aktiv sowohl in der Anti-Antifa-Arbeit der Freien Kameradschaften wie in der Führungsspitze der Thüringer NPD. Über die Neustraublinger WWW-Service Online Dienstleistungen GmbH registrierte der Rudolfstadter THS-Kader Tino Brandt den entsprechenden Domainnamen, ebenso wie einen Domainnamen für das „Hoffmann-von-Fallersleben-Bildungswerk“. Auch über die Karlsruher Firma Schlund und Partner wurden diverse fragliche Internetdomains registriert – darunter auch die Internetadresse des Siegener Bärensturms, registriert auf den Namen Martin Scheele, der über die gleiche Firma auch den Domainnamen „Anti-Antifa“ erworben hat.

Während einige der rechtsextreme Seitenbetreiber mit deutschem Domainnamen von der öffentlichen Diskussion bislang scheinbar unberührt bleiben oder allenfalls ihre Internetseiten „stilllegen“ wie Sascha E., verstärkt sich mit der Debatte gleichzeitig ein Trend, der schon zuvor zu beobachten war – zahlreiche rechtsextreme Homepages sind mittlerweile bei ausländischen Freehostern, Anbietern von kostenlosem, meist werbefinanziertem Speicherplatz im Internet, gespeichert. Einige der Seiten, die ihren deutschen Domainnamen verloren, waren so schon kurze Zeit später wieder online, wie z.B. „bloodandhonour“. Auf die neue Internetadresse wird oftmals per Email oder durch entsprechende Einträge in den Gästebüchern und Diskussionsforen gut besuchter rechtsextremer Seiten hingewiesen.

Die rheinland-pfälzische Jugendministerin Rose Götte wies jüngst auf diese Nutzung von Gästebüchern hin. Bei einer Pressekonferenz wurde eine Auswertung von extern jugendschutz.net, der Zentralstelle der Länder für den Jugendschutz in den Mediendiensten, vorgestellt. Deren Mitarbeiter hatten 40 rechtsextreme Internetseiten samt Gästebücher analysiert und dabei alleine 600 Querverweise und 800 Kontakt- und Emailadressen erfasst. Neben der Verlagerung der Seiten ins Ausland, teilweise verbunden mit einer fast kryptisch anmutenden URL, geht der Trend hin zu einer leicht zu merkenden „Weiterleitungsadresse“, die den Surfer automatisch zur eigentlichen Internetseite bringt – neben Anbietern im stile von „go.to, come.to“ etc. sind viele rechtsextreme Internetseiten auch über eine (Weiterleitungs-) Adresse beim Anbieter TSX zu erreichen, der ebenso wie der Provider Yoderanium ein bevorzugter Sammelplatz der Antidemokraten jeglicher Couleur zu sein scheint – zumindest bei letzterem beruht dies auch auf der geistigen Nähe zum Rechtsextremismus.

Zudem werden die Internetseiten zunehmend gespiegelt und sind unter mehreren Adressen inhaltsidentisch im Internet – werden die Dateien auf einem Server gelöscht, dann bedarf es nur der Anpassung der Weiterleitungsadresse, um erneut auf die rechtsextreme Homepage zu verweisen. Laut Götte wurden teilweise bis zu 13 „Kopien“ solcher Angebote gefunden. Der Wechsel zu einem ausländischen Server ist jedoch nur eine scheinbare Flucht aus dem deutschen „Strafraum“, die möglicherweise das Auffinden der Betreiber erschwert, die aber nicht vor der Strafbarkeit der Inhalte bewahrt. Zudem scheinen gerade Anbieter wie TSX und Yoderanium öfter unter technischen Problemen zu leiden, so dass Seiten und Adressen über diese Anbieter unter Umständen tagelang nicht mehr zu erreichen sind, ein Zustand, der durch zusätzliche Seitenverlagerungen nicht besser werden dürfte. Schwer erreichbar sind manche Seiten auch durch diverse weniger legale, jedoch effektivere technische Angriffe auf die jeweiligen Anbieter. Das Spektrum reicht dabei vom Blockieren eines Servers mit einer Vielzahl von Mails oder Anfragen bis zum „hacken“ und Umgestalten einer rechtsextremen Homepage. Eine dieser ungeklärten Metamorphosen ist die Wandlung der Homepage von „blutnacht“ (auch diese über TSX erreichbar), die nun auf eine Kinderliederseite verweist. Und nach wie vor verweisen diverse Linklisten auf rechtsextremen Internetseiten auf eine „nationale Linkliste“, die über die kurze Einblendung: „Eine Nazionale Linkliste – das war einmal“ zu einer antifaschistischen Seite weiterleitet.

Rudolf Kleinschmidt, August 2000; Artikel erschien redigiert unter dem Titel: „Verschlungene Pfade“ im blick nach rechts 18-2000

Nachtrag: Bei den genannten deutschen Provider ist mitnichten davon auszugehen, dass sie ein Hort des Neofaschismus sind oder diese Kunden aufgrund einer politischen Nähe anlocken. Ausschlaggebend für die jeweilige Wahl dürfte vor allem der Preis und das Angebot um die Domain sein; vorzuwerfen wäre den Providern, wenn überhaupt, bisweilen ein sorgloser Umgang oder eine Nichtbeachtung der gewählten Domainnamen. Kenntnisse über die beantragenden Personen oder Gruppen können und dürfen jedoch nicht automatisch erwartet werden. Insofern sind die genannten Provider eher Opfer den Mitwisser und Unterstützer des Neofaschismus. Als nichts anderes werden sie vom Autor bei der namentlichen Nennung auch verstanden.

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