Virtuelle Nazipropaganda der NSDAP/AO

Lincoln/Nebraska: Auch die in Deutschland verbotene „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei – Auslands- und Aufbauorganisation“ (NSDAP/AO) ist mittlerweile mit einer eigenen Domain im Internet vertreten. Angemeldet wurde sie auf ihren Führer Garry Lauck mit dem selbst zugelegten, deutscher klingenden Vornamen „Gerhard“ und der seit 1972 bekannte Postfachadresse der neonationalsozialistischen Propagandatruppe im amerikanischen Lincoln / Nebraska. Schon zuvor waren seit Mai 1995 Internetseiten der NSDAP/AO über verschiedene andere Nazi-Gruppen abrufbar, so zum Beispiel bei den militanten Neonazis der „Aryan Nations“ um den amerikanischen Neonazis Richard Girnt Butler. „Aryan Nations“ ist eine pseudoreligiöse White-Power-Organisation, die ihre Rassentheorie mit der Bibel zu unterlegen versucht und die Juden als „mud people“ und „natürliche Feind unserer Weißen und Arischen Rasse“ ansieht.

Laut Eigendarstellung wurde die Domain der NSDAP/AO am 20.Januar, dem Jahrestag der Wannsee-Konferenz, „ins Leben gerufen“, jedoch verlinken bis heute nicht alle der weiteren im Internet zu findenden NSDAP/AO-Homepages auf diese Domain. Abrufbar sein sollen über 100 Seiten in elf Sprachen, die meisten davon identisch. So gehört dazu in jeder Sprache die Preisliste der Propagandaartikel. Diese reichen von NS-Devotionalien wie Hakenkreuzarmbinden und Abzeichen über Marschmusik bis zu Büchern, Postkarten und einer „Propaganda-CD“. Neben Nachdrucken von NS-Literatur wie Hitlers „Mein Kampf“ oder einem Heft über „SS-Rassenkunde und Richtlinien zur Gattenwahl“ zähen zum überteuerten Sortiment diverse Titel des an Aids verstorbenen deutschen Neonazis Michael Kühnen sowie das zum Terrorismus anleitende Machwerk: „Eine Bewegung in Waffen“, das unter dem Pseudonym „Hans Westmar“ verfaßt wurde. Maßgeblich an der Erstellung dieser Anleitung zum Terror waren die beiden deutschen Neonazis Henry Fiebig und Christian Scholz beteiligt, beide Kader der 1992 verbotenen Neonazigruppe „Nationalistischen Offensive“ (NO), Scholz darüber hinaus Schriftleiter der neonazistischen HNG – sie hatten unter anderem dafür 1997 dafür ihren Prozeß in Deutschland.

Neben Ausgaben der „NS-Nachrichten – Internetausgabe“ (ebenfalls in zehn Sprachen) git es im deutschsprachigen Bereich eine Ausgabe des nazistischen und antisemitischen Schmierblatts „NS Kampfruf“ sowie die Aufforderung, dessen zweimonatlich erscheinende Papierausgabe zu abonnieren oder gar der NSDAP/AO als „Fördermitglied“ beizutreten und regelmäßig „Propagandamaterialpäckechen“ zu erhalten. Ein solches „Fördermitglieder“ war z.B. der damalige Leipziger NPD-Vorsitzende Joachim Hößler, der 1997 wegen NS-Propaganda und Aufstachelung zum Rassenhaß verurteilt wurde – er hatte Propagandamaterial wie den NS-Kampfruf sowie Aufkleber mit rechtsextremen Sprüchen und Hakenkreuzen bestellt hatte, um es in Sachsen zu verbreiten. Weitere Seiten dienen der Selbstdarstellung, darunter eine Chronologie der NSDAP/AO sowie verschiedene Texte über Ziel und Methode der selbsternannten „panarische Kampfgemeinschaft“, die ein neues „Großdeutsches Reich und die Errichtung einer Neuen Ordnung auf einer rassischen Grundlage in der ganzen arischen Welt“ anstrebt, in der mit den „Schergen des Justizterrors“ gegen die NSDAP/AO abgerechnet werde. In der Papierausgabe des „NS-Kampfrufs“, der von deutschen und dänischen Neonazis erstellt werden soll, las sich das 1998 so: „Unser Feind ist in erster Linie das Bonner und Wiener Judensystem und seine Lakaien, die für ihn als Wasserträger fungieren. Auch werden wir jene nicht vergessen, die uns in unserer Arbeit und unseren Aktionen behindern. … Wir … beginnen hier und heute den Kampf gegen das internationale Untermenschentum und werden nicht eher ruhen, bis diese Verbrecher ausgemerzt sind…“

Die NSDAP/AO galt über zwanzig Jahre als bedeutendster Propagandalieferant für Neonazigruppen insbesondere im deutschsprachigen Raum. Durch die 1995 erfolgte Verhaftung Laucks bei einem Aufenthalt in Dänemark sowie seiner Auslieferung nach Deutschland, wo er bis 1999 eine Haftstrafe verbüßte, kam dieser Vertrieb weitgehend zum Stillstand. Andere wie die dänische Versandhandlung „NS 88″ (die Zahl acht steht für den achten Buchstaben im Alphabet: 88 = Heil Hitler) nahmen diese Rolle ein. Nach Ansicht der deutschen Behörden konnte bei der „Kampfgemeinschaft“ NSDAP/AO von Ansätzen der behaupteten Organisationsstruktur lediglich im Zusammenhang mit der Verteilung von Propagandamaterial gesprochen werden. Dies hat jedoch schon dafür gereicht, daß bisher nicht nur zahlreiche bekannte Neofaschisten und neofaschistische Gruppen jedweder Couleur zu Laucks Verteilertruppe zählten und daß Material der NSDAP/AO bei den meisten Polizeiaktionen sichergestellt wurde. Mit der im „NS Kampfruf“ angekündigten neuen „Computer Offensive“, der Anschaffung neuer technischer Geräte zur billigeren Produktion von Propagandaartikeln sowie der in über zehn Sprachen vertriebenen zehn Sprachen „Propaganda CD“ mit Vorlagen für Hakenkreuzaufkleber und Hakenkreuzplakate, die damit in Heimarbeit erstellt werden können, steht zu erwarten, daß Laucks NSDAP/AO diese Rolle wieder einzunehmen versucht. Die eigene Domain im Internet kann ein erster Schritt dazu sein.

Rudolf Kleinschmidt, 5/2000

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