Post von der Agnes-Miegel-Gesellschaft

Über den Versuch, Vergangenheit zu verbiegen und KritikerInnen mundtot zu machen. Eine Replik

Manche wünschen uns mundtot – aktuell offenbar der Pressesprecher der Agnes-Migel-Gesellschaft (AGM). Worum geht es bei seinem Ansinnen? In unserem News- und Pressearchiv haben wir am 17.November 2013 mit einem Textauszug auf den Artikel „Miegel-Statue erregt Anstoß“ des Fachinformationsdienstes blick nach rechts (bnr) verwiesen (Link), in dem es um den Streit wegen der Entfernung eines Denkmal der (gelinde gesagt: umstrittenen) Dichterin Agnes Miegel in Bad Nenndorf ging. Am 3.1. erhielten wir eine Mail von Detlef Suhr, Pressesprecher der Agnes-Miegel-Gesellschaft (AMG), mit einem Mailanhang – darin die Aufforderung, Textauszug und Verweis bis zum 13.01. zu löschen – er wirft uns (wie dem bnr) üble Nachrede, Verleumdung und die Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener vor und droht rechtliche Schritte wie die Information sämtlicher Bundestagsfraktionen an.

Wenig kreativ entspricht der Mailanhang im Wesentlichen d er„Richtigstellung des Artikels ‚Miegel-Statue erregt Anstoß‘ von Julian Feldmann, Online-Zeitschrift ‚Blick nach rechts‘“ aus dem von Suhr veröffentlichten Pamphlets „Blick nach Rechts (BNR) verleumdet Agnes-Miegel-Gesellschaft“. Dieses ist auf einer Unterseite seiner technisch und optisch „pittoresken“ Reisebüro-Website abrufbar (http://archive.is/cMDSz). Wir nehmen an dieser Stelle Stellung zu den Anwürfen Suhrs,  wobei wir uns auf den bei uns lesbaren Textauszug des bnr-Artikels beziehen, eine Differenzierung, zu der Herr Suhr leider nicht willens oder fähig war, da sein Schreiben an uns nahezu textidentisch ist und eigentlich dem bnr gilt.

Der schreibt über das Agnes Miegel-Denkmal:

Mehrmals legten Rechtsextremisten in den vergangenen Jahren Blumengebinde und Kerzen an dem Denkmal ab“.

Suhr agiert dagegen mit der Behauptung, dies sei

entweder eine freie Erfindung des Autors – oder er hat auch diese Aussage schlicht von dubiosen Quellen kopiert. Die Agnes-Miegel-Gesellschaft ist Eigentümerin des Denkmals. Ihr sind Kranzniederlegungen durch Rechtsextremisten nicht bekannt. Da Agnes Miegel von vielen Ostpreußen und ihren Nachfahren nur als ‚Mutter Ostpreußen‘ bezeichnet und geliebt wurde, waren und sind diese auch für zahlreiche Blumengebinde am Denkmal ‚verantwortlich‘.

Die betreffende Statue steht im Kurpark der Stadt Bad Nenndorf und ist lt Internetrecherche frei zugänglich. Damit ist es denklogisch, dass jedeR – zu welchen Zwecken auch immer – Zugang zur Statue hat, deren Eigentumsverhältnisse , da laut Internetrecherche gestiftet, zudem „fragwürdig“ dargestellt wurden. Suhr erklärt, dass der AGM „Kranzniederlegungen durch Rechtsextremisten nicht bekannt“ seien. Aus dieser Behauptung den Schluss zu ziehen, dass Neonazis keine Kränze dort ablegten, erscheint so realitätsfern wie die Annahme, Neonazis gäbe es nicht, weil sie einem persönlich nicht bekannt seien. Darüber hinaus versteift er sich zur Unterstellung, dass für Blumengebinden am Denkmal ausschließlich Ostpreußen und ihre Nachfahren verantwortlich seien. Ein Schelm, wer daraus folgert, Suhr nehme „Ostpreußen und ihre Nachfahren“ in irgendeinen Generalverdacht…. Aber: wenn auch Neonazis am Denkmal Blumen niederlegen, sämtlicher Blumenschmuck aber laut Suhr ausschließlich aus dem so genannten Vertriebenenspektrum kommt, bleibt wohl nur der Schluss einer „gewissen Schnittmenge“, auf die der Pressesprecher der AMG hier hinweist. Danke für diese Erkenntnis!

Suhr sieht im bnr-Artikel (und in unserem Textauszug daraus) offenbar eine üble Nachrede gegenüber der AMG. Dort wird erklärt, die AMG positioniere sich dagegen und kündige rechtliche Schritte gegen eine Entfernung der Skulptur an, zudem werde KritikerInnen durch Detlef Suhr, den Pressesprecher der AMG, strafrechtlichen Konsequenzen wegen der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener angedroht. Bis hierhin erscheint alles nachvollziehbar – nicht zuletzt Suhrs Schreiben zeigt, dass dies offenbar seinem normalen Agitationsmuster entspricht. Weiter erklärt der bnr, die AMG sei dem Vertriebenen-Milieu zuzurechnen (scheint unbestritten), und bei

einigen Funktionären des rund 300 Mitglieder zählenden Vereins sind Schnittpunkte zum organisierten rechtsextremen Spektrum erkennbar“ (so bnr).

Belegt wird das mit einer Veranstaltung im rechtsextremen Collegium Humanum 2001 – so führt der bnr aus, dass die AMG-Vorsitzende Marianne Kopp 2001 für einen Vortrag im rechtsextremen Zentrum „Collegium Humanum“ (CH) in Vlotho (Kreis Herford) 2001 angekündigt war. 2008 wurde das CH wurde 2008 als „Sammelbecken organisierter Holocaust-Leugner“ verboten. Suhr selbst verifiziert den Auftritt in dem rechtsextremen Tagungshaus und erklärt, dieser sei „unpolitisch“ gewesen und habe

viele Jahre vor der Einstufung des Vereins Collegium Humanum als “rechtsextremistisch” statt[gefunden]. Eine rechtsextreme Ausrichtung des Vereins war der Literaturwissenschaftlerin damals nicht bekannt bzw. nicht erkennbar“.

Nicht erkennbar rechtsextrem – das möge jedeR selbst verifizieren. Bereits 1984 fand dort z.B. ein Treffen des neonazistischen „Komitees zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers” (vgl. http://bit.ly/1fmUMsx) statt, dem öffentliche Proteste folgten. Bereits 1994 berichtete das NDR-Politmagazin Panorama darüber als „Knotenpunkte im Netzwerk der Holocaust-Leugner und Revisionisten“ (http://bit.ly/1h9Zg3n) usw. pp. Wer mehr über das CH lesen will – eine Broschüre dazu ist über die Website des AKE-Bildungswerk in Vlotho abrufbar (http://bit.ly/KUGEJJ).

Was den Vorwurf der „üblen Nachrede“ oder „Beleidigung“ angeht – Herr Suhr neigt in seiner Agitation nicht gerade zu zurückhaltender Auseinandersetzung und Rücksichtnahme. Er attackiert andere und unterstellt ihnen konsequent die Wiedergabe „diffuser“ oder „linksextremistischer“ oder „linksradikaler“ Quellen, erklärt Kritiken prinzipiell für falsch oder „linksextremistisch“ – oder unterstellt diffamierende Zusammenhänge, auch gegen besseres Wissen oder aus fehlender Kenntnis realer Zusammenhänge (was zutrifft, mag jedeR selbst beurteilen). So suggeriert sein Anwurf, der bnr würde “linksradikale” / linksextremistische” Inhalte verbreiten und begründet dies mit einer „Kleinen Anfrage der CDU/CSU“ zum bnr aus dem Jahr 2004, da die Publikation eine angeblich fehlende Abgrenzung von ebenso angeblich “linksextremistischen” Bewegungen habe. Dieser Hinweis von Suhr ist offensichtlich „für’s G’schmäckle“ geschrieben – die von Suhr verschwiegene Antwort der Bundesregierung erklärt auch, warum… Darin heißt es explizit:

„Der „blick nach rechts“ ist ein seit zwanzig Jahren vierzehntägig erscheinender Informationsdienst, der über rechtsextremistische Aktivitäten berichtet. Dabei stehen Aufklärung und Information über Personen, Entwicklungen, Tendenzen oder Aktivitäten im Mittelpunkt. Der „blick nach rechts“ ist für Fachleute auf diesem Gebiet eine wichtige Informationsquelle.
Es handelt sich hierbei um einen bedeutenden Beitrag der Zivilgesellschaft im Kampf gegen rechtsextremistische Bestrebungen. Die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen zeigen, dass die demokratischen Kräfte in ihrer Arbeit für Demokratie und Toleranz und gegen Extremismus und Gewalt nicht nachlassen dürfen.“ (BT-Drucksache 15/4010; http://bit.ly/1lQc3uF)

Als Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener scheint Suhr respektive die AMG, für die er das Sprachrohr scheint, das Aufzeigen historischer Fakten, die eine von der AMG so gerne propagierte Distanz von Miegel zum Nationalsozialismus offenkundig in Frage stellen. So behauptet Suhr scheinbar gebetsmühlenartig:

Die Tatsache, dass Agnes Miegel während der NS-Zeit einige wenige Auftragsgedichte geschrieben hat, sagt nichts über ihre politische Haltung aus, da sie unter den Zwängen der NS-Diktatur entstanden. (…) Das Verhältnis der Dichterin zum Nationalsozialismus stellt Feldmann in jeder Hinsicht falsch dar. Agnes Miegel wurde erst 1940 – wie weit unter politischem Druck? – Mitglied der NSDAP. In jedem Falle spricht dieses sehr späte Eintrittsdatum für eine lange und deutliche Distanzhaltung Miegels zum Nationalsozialismus.

Die (laut Suhr) NS-„Auftragsarbeiterin“ Miegel wurde 1940 Mitglied der NSDAP – was den unterstellten politischen Druck angeht, möge sich jede/jeder seine eigene Meinung bilden. Das Deutsche Historische Museum (auch dies Hort „linksextremistischen“ Gedankengutes???) erklärt in einer Darstellung zu Literatur „während des NS-Regimes“:

„(…) avancierte auch die beliebte ostpreußische Heimatdichterin Agnes Miegel (1879-1964) im NS-Regime zu einem literarischen Aushängeschild. In ihren zuvor unpolitischen Balladen spiegelte sich ab 1933 eine erkennbare Blut- und Boden-Romantik wider.“ (http://bit.ly/1arNgIQ)

Als aus Protest gegen das NS-Regime 1933 Max Liebermann, Alfred Döblin und Thomas Mann die Akademie der Künste in Berlin verließen, werden u.a. Hanns Johst und Agnes Miegel in die Akademie berufen. 1933 wurden öffentlich die Bücher sozialistischer, pazifistischer und jüdischer Schriftsteller „dem Feuer übergeben“ und mit dem Schriftleitergesetz der Weg zur Gleichschaltung der Presse eingeleitet. In diesem Jahr, im Oktober 1933, war Miegel eine der 88 Unterzeichnenden des in  Zeitungsanzeigen verbreiteten “Gelöbnis treuester Gefolgschaft” auf Adolf Hitler (http://bit.ly/19ZqPga).Am 18. August 1934 veröffentlicht der Völkische Beobachter den „Aufruf der Kulturschaffenden“, den auch Miegel unterzeichnet hat. Darin heißt es:

Wir glauben an diesen Führer, der unseren heißen Wunsch nach Eintracht erfüllt hat. […] Der Führer hat uns wiederum aufgefordert, im Vertrauen und Treue zu ihm zu stehen. Niemand von uns wird fehlen, wenn es gilt, das zu bekunden. […] Wir setzen unsere Hoffnung auf den Mann“ und „gehören zu des Führers Gefolgschaft“.

1937 wird Miegel wird Mitglied in der NS-Frauenschaft, 1938, in dem Jahr, als in Deutschland die Synagogen brannten und Juden öffentlich ermordet wurden, huldigt sie Hitler in ihrem Gedicht: „Dem Führer!“ („Übermächtig füllt mich demütiger Dank, dass ich dieses erlebe, Dir noch dienen kann“). 1939 erhält sie nach wiederholten Lesungen vor Hitler-Jungen das Goldenen Ehrenzeichen der HJ. (http://bit.ly/JQzR32). Miegel, die im Nationalsozialismus ohne Einschränkung publizieren konnte, System-Auszeichnungen bekam und Vortrags- und Lesereisen unternahm, wurde 1943 in die 1.043 Namen deutscher Künstler umfassende, von Hitler und Goebbels erstellte „Liste der Gottbegnadeten“ (in nationalsozialistischem Sinn) aufgenommen. Ihr Name steht dabei auf der Sonderliste der „Unersetzlichen  Künstler“, sie zählte für die Naziführung zu den „sechs wichtigsten Schriftstellern“ (http://bit.ly/1agwk4L).

Dies angesichts der Millionen Opfer des Nationalsozialismus totzuschweigen, kommt in unserem Verständnis eine Verunglimpfung der Ermordeten und Opfer des Faschismus gleich.

Wir nehmen den Versuch, uns mundtot zu machen, zur Kenntnis – und zum Anlass, uns intensiver mit Miegel auseinanderzusetzen. Wer dies auch will: Umfangreiche Dokumentationen zu Miegel sind z.B. unter http://bit.ly/1dcKtny oder http://bit.ly/1foID6D abrufbar. Sofern jemand aus der Riege der Miegel-Anbetenden uns den Fraktionen des Bundestages weiterempfehlen will – wir freuen uns über und auf diese Empfehlung.

Hans Meier. 13.01.2014

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