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Ku-Klux-Klan: ein obskurer V-Mann namens “Radler”

Eine wichtige Rolle bei der Aufarbeitung der NSU-Verbindungen nach Baden-Württemberg spielt der einstige V-Mann Achim Schmid, der eine Ku-Klux-Klan-Gruppe in Schwäbisch Hall gründete. Der NSU-Untersuchungsausschuss, der am 8. Dezember seine Arbeit aufnimmt, muss etwa die Frage klären, ob Schmid den Klan tatsächlich ohne Wissen des Verfassungsschutzes aufgebaut hat. Der Neonazi-Liedermacher Achim Schmid, alias Radler, ein NPD-Mann in Schwäbisch Hall, war von November 1994 bis November 2000 zunächst Informant und dann V-Mann des baden-württembergischen Landesamts für Verfassungsschutz. Dem von Schmid gegründeten rassistischen Geheimbund “European White Knights of the Ku Klux Klan” (EWK KKK) gehörte sowohl der Gruppenführer der vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in Heilbronn ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter als auch ein im Frühjahr plötzlich verstorbener V-Mann des Bundesamts für Verfassungsschutz an, der einen der NSU-Rechtsterroristen persönlich gekannt hatte. Heute lebt der einstige Ku-Klux-Klan-Führer Schmid in den USA. Der 39-Jährige ist seit etwa 1990 in der neonazistischen Szene aktiv und war Führer der von ihm am 1. Oktober 2000 offiziell gegründeten European White Knights of the Ku Klux Klan, sein Aliasnamen beim Klan lautete “Ryan Davis”. Kontaktadresse der Klan-Truppe war Schmids Wohnort. (…) Etwa 20 Mitglieder aus den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen tummelten sich in den Reihen des Klans. Potentielle Mitglieder der selbst ernannten “patriotischen weißen Geheimorganisation” wurden über das Internet als auch per direkter Ansprache für die Gruppierung geworben. Ideologischer Grundpfeiler der European White Knights of the Ku Klux Klan war ein Pseudochristentum, gepaart mit einem ausgeprägten Hang zum Antisemitismus und Rassismus. (…) Mitglieder der Klan-Truppe waren unter anderem Michael Schäfer (Wernigerode, Sachsen-Anhalt) und Thomas Richter (Leipzig, Sachsen), Schäfer amtierte von 2007 bis 2012 als Bundesvorsitzender der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN). Richter, unter dem Namen “Corelli” V-Mann des Bundeamts für Verfassungsschutz, bewegte sich im Umfeld des NSU-Kerntrios. Sein Name fand sich auf der Adressenliste von Uwe Mundlos, die im Januar 1998 in der Jenaer Bombenwerkstatt des NSU beschlagnahmt worden war. Richter hatte Mundlos bei einem Rechtsrockkonzert 1995 in Dresden kennengelernt.  Im Klan war Corelli unter anderem zuständig für den Betrieb des internen Internet-Forums. Corelli habe “umfangreich und werthaltig über Mitglieder, Sympathisanten und Veranstaltungen” des EWK KKK berichtet, heißt es in einer dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags vorgelegten Auswertung der V-Mann-Berichte. V-Mann Corelli war es auch, der den Verfassungsschutz über Polizeibeamte in den Reihen des Klans informierte. Unter anderem berichtete er über eine Polizeianwärterin aus dem Stuttgarter Raum, die im Bereich der Rauschgiftkriminalität tätig war und einen “Hass auf Schwarze” habe. Richter starb im April – im Zeugenschutzprogramm des BfV – überraschend an einer nicht erkannten Diabetes.

via kontext: Ku-Klux-Klan: ein obskurer V-Mann namens “Radler”

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Dossier Rechtsterrorismus / articles about right-wing terrorism:
Nationalsozialistischer Untergrund – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe. Polizistinnenmord, Rohrbombe, Thüringer Heimatschutz (THS)
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NSU-Prozess 162. Tag – Zeugin schwärmt von Blood & Honour

Es mangelt dem NSU-Prozess nicht an bizarren Auftritten von Rechtsextremisten oder Zeugen, die angeblich oder tatsächlich die Szene verlassen haben. Doch was die Prozessparteien an diesem Donnerstag an Dreistigkeit erleben, dürfte so schnell nicht zu überbieten sein. Eine Zeugin aus Sachsen schildert in warmen Worten die tiefbraune Skinheadvereinigung „Blood & Honour“ als eine Art Caritas, deren sächsische Sektion leider in geldgierige Hände geriet. Dass im September 2000 der damalige Bundesinnenminister die komplette deutsche „Division“ von Blood & Honour verbot, muss demnach ein schwerer Irrtum gewesen sein. Ebenso wie der Verdacht der  Bundesanwaltschaft, die Terrorzelle NSU sei aus der sächsischen Sektion unterstützt worden. Die Zeugin Antje B., 40 Jahre alt, die blondierten Strähnen von einem schwarzen Stirnband gebändigt, spricht zunächst über den Gründer von Blood & Honour, dem britischen Skinhead und Rechtsrock-Musiker Ian Stuart Donaldson. Der bullige Glatzkopf, eine Ikone der Szene, starb 1993 nach einem Verkehrsunfall. „Dieses Ernstvolle, was er verkörpert hat, die hohen Werte, dass wir uns ein Stück weit zurückbesinnen, dass wir eben so ’n Stück wieder ehrlicher sind, dass man erkennt, was Demut ist, waren zumindest meine persönlichen Ideale“, sagt die Mutter von vier Kindern. Dass sie heute als Erzieherin tätig ist, lässt einen mit jedem weiteren Satz frösteln. Sie habe von der sächsischen Sektion erwartet, „dass man befreundet ist, dass wir viele Familien haben, wo man gemeinsam mit den Kindern Unternehmungen macht“. Mitte der 1990er Jahre beteiligte sich Antje B. an der Gründung des Ablegers von Blood & Honour im Freistaat. Sie und ein paar Freunde hätten sich in einer Kneipe getroffen und überlegt, wie sie nach dem Tod von Ian Stuart Donaldson dessen Musik „hier in Deutschland ein bisschen voranbringen“.  Politische Ziele habe sie selbst nicht verfolgt, sagt Antje B., „nee“. (…) Der von Antje B. vergötterte Ian Stuart Donaldson grölte mit seiner Band Skrewdriver Hasslieder gegen die multikulturelle Gesellschaft, posierte mit einer Hakenkreuzfahne. Anfang der 1990er Jahre war er in Cottbus einer der Angeklagten in einem Prozess zum Angriff auf einen Linken. Das von dem britischen Kahlkopf initiierte Blood & Honour-Netzwerk, benannt nach dem Nazi-Leitspruch „Blut und Ehre“, hat  sich international ausgebreitet. Die rechtsextremen Skinheads organisieren Konzerte einschlägiger Bands, vertreiben deren Musik und hetzen im Internet und auf der Straße gegen Migranten, Juden, Linke. In England bildete sich ein bewaffneter Arm namens „Combat 18“, auch in Deutschland galt Blood & Honour als so gefährlich, dass Innenminister Schily das Verbot aussprach.  Nach dem Ende des NSU im November 2011 kam heraus, dass es Mitglieder der Sektion Sachsen gewesen waren, die den Thüringer Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe Unterschlupf boten, als sie 1998 untertauchten. Und ein V-Mann des Brandenburger Verfassungsschutzes berichtete damals, einer der Anführer der Sektion Sachsen habe den Auftrag, für die drei Flüchtigen Waffen zu besorgen. Antje B. will davon allerdings keinerlei Kenntnis haben. Sie bestreitet auch, dass sie 1998 angeboten haben soll, ihren Reisepass Beate Zschäpe zur Verfügung zu stellen. Damit diese mit Mundlos und Böhnhardt nach Südafrika flüchten konnte, was Zschäpe aber offenbar nicht wollte.

via tagesspiegel: NSU-Prozess 162. Tag Zeugin schwärmt von Blood & Honour

NSU-Prozess: „Copy and Paste“ beim BKA

Ein Ermittler soll vor Gericht Beweise liefern, dass die Terrorgruppe von Neonazis in Sachsen unterstützt wurde. Das geht gründlich schief. Die Verteidiger im NSU-Prozess haben am Mittwoch die Zeugenaussage eines Polizeiermittlers scharf kritisiert. Der Beamte des Bundeskriminalamtes musste einräumen, dass seine Erkenntnisse im Wesentlichen nur aus Zusammenfassungen anderer Behörden stammten. Der Beamte gebe nur Aktenwissen wieder, „das ist ein verkappter Urkundsbeweis“, sagte Rechtsanwalt Olaf Klemke, der den wegen Beihilfe mitangeklagten Ralf Wohlleben verteidigt. Der Anwalt der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, Wolfgang Stahl, sprach von „Copy and Paste“ beim BKA. Der „Nationalsozialistische Untergrund“ hat nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft zehn überwiegend rassistisch motivierte Morde und zwei Sprengstoffanschläge verübt. Der erst 28 Jahre alte Beamte sollte Beweise dafür liefern, dass eine Gruppe sächsischer Neonazis um die inzwischen verbotene Organisation „Blood & Honour“ die drei Untergetauchten mit Waffen, Geld und einem Reisepass für eine Flucht nach Südafrika unterstützen wollte. Der Zeuge hatte dazu zunächst einen längeren Vortrag präsentiert und aus dem Gedächtnis zahlreiche Details genannt, etwa Telefonnummern, Asservatennummmern und Autokennzeichen. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass er das meiste aus Berichten von Geheimdiensten und Landeskriminalämtern herausgelesen und drei Wochen lang auswendig gelernt hatte. Die Aussagen des Beamten seien als Beweismittel untauglich, kritisierte Wohlleben-Verteidigerin Nicole Schneiders.

via mittelbayerischer: NSU-Prozess: „Copy and Paste“ beim BKA

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Neonazi Tino Brandt wegen Zuhälterei angeklagt

Die Staatsanwaltschaft Gera hat den Neonazi und früheren V-Mann Tino Brandt wegen Zuhälterei angeklagt. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Jens Wörmann, sagte dem MDR, dass Brandt schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Förderung der Prostitution und Förderung sexueller Handlungen von Minderjährigen vorgeworfen werden. Insgesamt gehe es um 157 Fälle. Brandt habe in den Vernehmungen einen Teil der Vorwürfe eingeräumt. Brandt sitzt wegen der Vorwürfe seit Juni 2014 in Untersuchungshaft. Er soll minderjährige Jungen sowie Männer im Raum Rudolstadt an Freier vermittelt haben. Der Verdacht gegen Brandt hatte sich bei Betrugsermittlungen ergeben, die seit mehr als zwei Jahren gegen ihn und zwölf weitere Beschuldigte laufen.

via mdr: Neonazi Tino Brandt wegen Zuhälterei angeklagt

siehe auch: Verdacht auf Zuhälterei: Neonazi-Spitzel auf der Anklagebank. Die Anklageschrift weist 157 Fälle auf, die Tino Brandt zur Last gelegt werden. Die Staatsanwaltschaft Gera hat den früheren Kopf des militanten Neonazi-Netzwerkes „Thüringer Heimatschutz“ wegen sexuellen und schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern, sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen sowie Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger angeklagt. Einen Teil der Vorwürfe soll Brandt eingeräumt haben. Bereits seit Sommer sitzt Tino Brand in Untersuchungshaft, nun klagt die Staatsanwaltschaft Gera den bekannten Neonazi an. Ihr Sprecher Jens Wörmann sagte dem MDR, dass Brandt schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Förderung der Prostitution und Förderung sexueller Handlungen von Minderjährigen in 157 Fällen zur Last gelegt werde. Einen Teil der Vorwürfe habe der frühere thüringische NPD-Spitzenkader eingeräumt. Auf die vermutete Zuhältertätigkeit war die Polizei im Rahmen einer anderen Ermittlung gestoßen. Seit Frühjahr 2012 steht Brandt, der als V-Mann des Verfassungsschutzes nach eigener Aussage mehr als 200.000 DM Spitzellohn eingestrichen haben will, im Zentrum eines Versicherungsbetrugsfalls. Ihm und rund einem Dutzend Personen aus seinem Umfeld wird vorgeworfen, mit fingierten Arbeitsunfällen abkassiert zu haben.

Rechtsextremismus-Forscher: Verfassungsschutz beging grenzenloses Verbrechen an Demokratie

Erschreckende Einblicke in die Arbeit des Verfassungsschutzes in den 1990er Jahren in Thüringen lieferte am Mittwoch ein Neonazi-Spitzel im NSU-Prozess in München. Der 39-jährige Tino Brandt gab zu, dass er zwei, drei Mal vor Polizei-Durchsuchungen gewarnt wurde. Zu Beginn seiner Spitzeltätigkeit in den 1990er Jahren habe ihm einer seiner V-Mann-Führer auch “regelmäßig” Informationsmaterial zur Antifa-Szene gegeben. Darunter soll mehrfach eine Zeitschrift gewesen sein, welche der damalige stellvertretende Vorsitzende der HBV von Thüringen heraus gab.  Neben seinem Spitzelsalär will Brandt vom Verfassungsschutz zusätzlich Geld für seine technische Ausstattung erhalten haben. Er hätte mitgeteilt, was er benötige und dann das Geld für seinen Computer, ein Handy und vielleicht auch ein Fax-Gerät erhalten. Der Neonazi erklärte, dass das Amt schon einmal Telefonrechnungen von bis zu 1000 Mark beglichen habe, wenn er viel telefonieren musste für die Vorbereitung wichtiger Veranstaltungen. Geld vom Nachrichtendienst habe er auch für Anwälte bekommen, wenn gegen ihn ermittelt wurde und er einen Rechtsanwalt benötigte. Nach seinen Angaben bezahlte er dann Anwälte die in der rechtsextremen Szene bekannt waren. Zu Beginn seiner Spitzeltätigkeit 1994 lag sein Gehalt aus seiner Tätigkeit bei einem Verlag in Coburg noch über dem Geld, das er vom Verfassungsschutz erhielt. Im Jahr 2001 sei es eher umgekehrt gewesen. Der Ex-Spitzel räumte ein, eigentlich zwei Gehälter bezogen zu habe. “Das was der Verfassungsschutz damals getan hat, ist ein grenzenloses Verbrechen an der Demokratie, an den Menschen in Thüringen und Deutschland”, sagt in einer Prozesspause der Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke unserer Zeitung. “Der Verfassungsschutz hat damals den Aufbau der rechtsextremen Szene mit betrieben” erklärt der emeritierte Professor der Freien Universität Berlin. Das sei bei der Befragung von Brandt am Mittwoch vor Gericht noch einmal deutlich geworden.

via ta: Rechtsextremismus-Forscher: Verfassungsschutz beging grenzenloses Verbrechen an Demokratie

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Nationalsozialistischer Untergrund – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe. Polizistinnenmord, Rohrbombe, Thüringer Heimatschutz (THS)
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NSU-Nebenklage: Blood and Honor und Combat 18 in Dortmund

Die Nebenklage stellte heute wichtige Beweisanträge zur möglichen Tatbeteiligung der Dortmunder Naziszene unter anderem am Mord an Mehmet Kubaşik. Zum Zeitpunkt der NSU-Morde existierte in Dortmund eine gut organisierte, militante Naziszene. Um die Band Oidoxie trat unter dem Namen „Streetfighting Crew“ eine fest organisierte Gruppe auf. Um diese Gruppe wurde auch eine „Combat 18“-Gruppe aufgebaut, die aus der Ideologie von Blood and Honour den bewaffneten Kampf als Ziel anstrebte. Die Gruppen waren fest eingebunden in das bundesweite und internationale Blood and Honour-Netzwerk und hätten über diese Verbindung, beispielsweise aus Belgien, Waffen beziehen können. Als Zeuge gehört werden soll unter anderen der Neonazi und V-Mann des Verfassungsschutzes Sebastian Seemann. Dieser wurde bereits am 13. Dezember 2011 vernommen und machte Angaben über den Aufbau einer Combat-18-Zelle in Dortmund durch den Sänger der Band Oidoxie. Zu einer Zeit, als in der Öffentlichkeit noch nicht über die „Turner Tagebücher“ diskutiert wurde, wies der Zeuge Seemann darauf hin, dass die „Mordserie an den türkischen und dem griechischen Einzelhändlern“ der Beschreibung von Anschlägen aus den Turner Tagebüchern entspricht. Außerdem machte der Zeuge Seemann konkrete Angaben über die mögliche Herkunft der beiden Mordwaffen, nämlich der umgebauten Bruni, die in 9 der NSU-Morde zum Einsatz kam und der TT33 (Mordfall Heilbronn),und bat darum, Bilder dieser Waffen vorgelegt zu bekommen, um seine Angaben konkretisieren zu können. Seemann nahm zusammen mit seinem guten Freund Michael Berger, der am 16. Juni 2000 drei Polizisten in Dortmund erschoss, an Schießübungen teil .Der Zeuge Robin Schmiemann, der zwischenzeitlich Briefkontakt zu Beate Zschäpe hatte, gab an, dass ihn der Zeuge Seemann zu einem Raubüberfall am 2. Februar 2007 angestiftet und ihm dafür die Waffe besorgt habe. Mit dieser Waffe schoss Schmiemann auf einen tunesischen Kunden im Laden. Über die gestellten Beweisanträge soll auch überprüft werden, inwieweit Seemann bereits 1997 Kontakt zu einzelnen Angeklagten bzw. zum NSU hatte. Der Aufbau einer „Combat 18“ Zelle in Dortmund mit Zugang zu Waffen im Jahr 2006 ist ein Indiz dafür, dass es Verbindungen zwischen dem NSU und militanten Neonazizellen in Dortmund gegeben hat, über die Informationen über Dortmund als möglichen Tatort des NSU geflossen sind. Bis heute ist nicht nachvollziehbar, wie die NSU-Mörder den Tatort in Dortmund ausspioniert haben. Unterlagen, aus denen sich eine sorgfältige Ausspähung des Tatortes ergäben, wurden nicht gefunden.

siehe auch: NSU-Nebenklage: Blood and Honor und Combat 18 in Dortmund

NSU-Prozess: Die Rolle der “Combat-18″-Zelle

Angeklagte Beate Zschäpe: Woher kamen die Informationen zu Anschlagszielen in Dortmund? Im April 2006 starb Mehmet Kubasik in Dortmund, er war laut Anklage das achte Opfer des NSU. Wurden die Rechtsterroristen von Neonazis der Dortmunder Szene unterstützt? Anwälte der Nebenklage haben im NSU-Prozess Ermittlungen gefordert. Der 156. Sitzungstag im Münchener NSU-Prozess war der Tag der Nebenklage: Mit einer ganzen Reihe von Beweisanträgen und Erklärungen versuchten die Anwälte der Opfer die Dortmunder Neonazi-Szene zu beleuchten. Sie nahmen damit einen Personenkreis in den Blick, auf deren Unterstützung sich das Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe sowie ihre mutmaßlichen Mitstreiter offenbar verlassen konnten. Und die in jener Stadt agierten, in der im April 2006 der Gemüsehändler Mehmet Kubasik erschossen wurde, laut Anklage das achte Opfer des NSU. In Dortmund gab es die bewaffnete “Combat-18″-Zelle, die sich in Anlehnung an die “Turner Tagebücher” organisiert hatte. Bei den “Turner Tagebüchern” handelt es sich um einen Roman, den der Amerikaner William L. Pierce unter dem Pseudonym Andrew Macdonald 1978 verfasst hat, um rassistische und antisemitische Ideen zu propagieren. Letztlich geht es darin um einen Rassenkampf, in dessen Verlauf Attentate und Sabotageakte von “der Organisation” verübt werden. Seit April 2006 sind die “Turner Tagebücher” in Deutschland verboten. Allerdings gelten sie innerhalb der rassistischen “White Supremacy”-Bewegung in den USA als Standardwerk und dienen gleichsam als Blaupause für eine gewalttätige Übernahme des Staates, wie sie wohl dem NSU und seinen Gesinnungsgenossen vorschwebte. (…) Eine Reihe von Nebenklageanwälten beantragten die Vorladung eines gewissen Marko Norbert G., Zentralfigur der offen nationalsozialistisch und militant auftretenden Neonaziband Oidoxie, der zusammen mit anderen in Dortmund “Combat-18″ aufgebaut haben soll. Diese zunächst aus mindestens sieben Personen bestehende Zelle soll Waffen aus Belgien besorgt und Schießübungen veranstaltet sowie Pläne für Anschläge ausgeheckt haben. Von “Combat-18″ soll das Trio nach Auffassung der Nebenklage unmittelbar nach dessen Untertauchen 1998 in Sachsen unterstützt worden sein. Ihre Kontakte sollen sich nach Skandinavien, in die Schweiz, nach Flandern und Österreich erstreckt haben. Die Opferanwälte wollen unter anderem auch wissen, wie die Morde an Kubasik und dem jungen Halit Yozgat in Kassel im gleichen Monat in der rechtsradikalen Szene bewertet und wem sie zugeschrieben wurden. Denn in dieser Szene sei selbst nach dem Auffliegen des NSU 2011 nicht ermittelt worden.

via spon: NSU-Prozess: Die Rolle der “Combat-18″-Zelle

“Nationalsozialistischer Untergrund der NSDAP”: Ominöse Nazi-CD in Sachsen aufgetaucht

CD-Cover “NSU/NSDAP”: Ungereimtheiten und Versäumnisse. Bei Ermittlungen gegen Chemnitzer Neonazis sind Fahnder auf einen weiteren Datenträger gestoßen, der Propagandamaterial einer Gruppe namens “NSU/NSDAP” enthält. Der Fund könnte sich als brisant erweisen. Ein Ordner mit dem Namen “nscd” gibt Fahndern Rätsel auf. Er enthält Tausende Dateien mit rechtsextremem Bildmaterial, und er ist auf einer CD, die offenbar von einer Gruppe namens Nationalsozialistischer Untergrund der NSDAP (NSU/NSDAP) zusammengestellt wurde. Das Konvolut, so heißt es in einem Begleittext, sei “die erste umfangreiche Bilddaten-CD” dieser Gruppierung. Datenträger mit dem Titel “NSU/NSDAP” wurden wohl seit 2005 in der rechten Szene verbreitet, lange bevor die gleichnamige Terrorzelle NSU aufflog, die für zehn Morde und mehrere Sprengstoffanschläge verantwortlich gemacht wird. Seit Monaten versuchen Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt (BKA) zu klären, wer hinter der braunen Datensammlung steckt – und ob deren Urheber etwas mit der Terrorzelle zu tun haben. Trotz umfangreicher Ermittlungen, so heißt es in Sicherheitskreisen, seien noch keine Belege für eine Verbindung zwischen NSU/NSDAP und NSU gefunden worden. Ein Fund in Sachsen könnte neue Indizien liefern: Wie erst jetzt durch eine Kleine Anfrage der sächsischen Linksfraktion bekannt wurde, waren Fahnder bereits Ende März auf eine weitere CD mit dem ominösen Propagandaordner gestoßen – bei Ermittlungen gegen die inzwischen verbotene Organisation Nationale Sozialisten Chemnitz (NSC). Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE fand sich der Datenträger bei einer Durchsuchung bei Maik A., der laut Verbotsverfügung zum Führungskreis der NSC gehörte und eine “wichtige organisatorische Funktion innerhalb der Gruppe” wahrgenommen habe. (…) Der CD-Fund in Sachsen könnte sich somit als brisant erwiesen: Eine erste Kopie der Propagandasammlung des NSU/NSDAP hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) schon 2005 erhalten, sechs Jahre vor der Selbstenttarnung der Terrorzelle NSU. Doch offenbar hielt es beim BfV jahrelang niemand für nötig, sich mit der darin erwähnten Gruppe näher zu befassen. Die Behörde hatte die CD wohl vom V-Mann “Corelli” erhalten, der behauptete, sie per Post erhalten zu haben.

via spon: “Nationalsozialistischer Untergrund der NSDAP”: Ominöse Nazi-CD in Sachsen aufgetaucht

Dossier / Beiträge zu Rechts-Anwältin (RA) Nicole Schneiders: http://goo.gl/cbPp0


Dossier Rechtsterrorismus / articles about right-wing terrorism:
Nationalsozialistischer Untergrund – Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe. Polizistinnenmord, Rohrbombe, Thüringer Heimatschutz (THS)
Dossier: Kategorie NSUhttp://bit.ly/ths-nsu

Bedrohung durch Rocker und Neonazis in Saalfeld-Gorndorf: Polizei ermittelt gegen Tatverdächtige wegen illegaler Ceska-Pistole Waffen-Beschaffer Renaldo B.

Renaldo B. (hier an unserem Infostand am 30.8.2014 mit mehreren Neonazis) übergab die Ceska-Schusswaffe an Steffen Richter. Am 30. August wurden Katharina König und weitere Unterstützer bei einem LINKE-Infostand von mehreren Neonazis und Rockern bedroht, von denen einer komplett vermummt und mit einer Metallkette ausgerüstet war. Bis ca. zehn Personen könnten an diesem Vorfall beteiligt gewesen sein, die Polizei hat mindestens vier Tatverdächtige ermittelt und der Fall wurde an die besondere Aufbauorganisation “Zesar” beim LKA Thüringen abgegeben. “Inzwischen wissen wir, dass gegen maßgebliche Akteure dieser Bedrohungsaktion ein Parallelverfahren läuft, sie sollen illegal eine Ceska-Schusswaffe angeschafft bzw. untereinander verkauft haben. Mit einer Waffe vom selben Hersteller wurde auch die NSU-Mordserie begangen”, informiert Katharina König, Sprecherin für Antifaschismus der Fraktion DIE LINKE im Thüringer Landtag. Das Informationsportal “blick nach rechts” (bnr) berichtete am 1. Oktober 2014 über ein Verfahren der Staatsanwaltschaft Gera wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz. Dieses geht u.a. auf Ermittlungen der “Sonderkommission Feuerball” zurück, welche im Jahr 2010 über einen mutmaßlich geplanten Brandanschlag auf ein u.a. von Katharina König mitbenutzen Reisebus ermittelte. In Folge der Ermittlungen hätten sich über Jahre zwei Personen herauskristallisiert: der ehemalige Saalfelder NPD-Direktkandidat Steffen Richter und der Saalfelder Rocker Renaldo B. Richter soll in einer Vernehmung gestanden haben, von Renaldo B. die Ceska angeboten bekommen zu haben. B., der zeitweise Anhänger von zwei “Hells-Angels” Unterstützer-Clubs in Saalfeld war, habe später bei der Befragung durch Polizisten geäußert, dem ehemaligen NPD-Kandidaten die Ceska, Modell CZ 1924 mit Munitionsgröße 9 mm, weitergegeben zu haben, um damit 500 Euro Schulden auszugleichen. Im Jahr 2011 hätten die Ermittler dann Hinweise erhalten, wonach Steffen Richter die Waffe für 1.000 Euro inklusive Munition in der Neonazi-Szene zum Verkauf anbiete.

via haskala: Bedrohung durch Rocker und Neonazis in Saalfeld-Gorndorf: Polizei ermittelt gegen Tatverdächtige wegen illegaler Ceska-Pistole

Spitzelschutz im NSU-Umfeld – Die wissende Quelle

Carsten Sz. soll dichter als jeder andere am NSU-Trio gewesen sein. Brandenburgs Verfassungsschutz erschwert die Vernehmung beim NSU-Prozess. Wenn es nach dem Verfassungsschutz Brandenburg geht, soll der V-Mann Carsten Sz. alias „Piatto“ vor dem OLG München allenfalls anonymisiert vernommen werden: mit Mütze, falschem Bart, verstellter Stimme, begleitet von einem Anwalt des Verfassungsschutzes, per Videoschaltung und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. So will es eine sogenannte Sperrerklärung des Brandenburger Innenministeriums. Ansonsten will das Ministerium dem früheren V-Mann keine Aussagegenehmigung erteilen. Gehört werden sollte er eigentlich wie alle anderen Zeugen auch im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe und ihre vier Mitangeklagten in München am 4. November. (…) Der ehemalige Postazubi Carsten Sz. hatte sich schon als 19-Jähriger in Westberlin der „Nationalistischen Front“ angeschlossen und die „Weißen Ritter des Ku-Klux-Klan“ in Deutschland aufgebaut. Im Dezember 1991 fanden Polizeibeamte unter anderem vier Rohrbombenrohlinge, Sprengstoff und fremde Reisepässe in einer von Carsten Sz. genutzten Wohnung. Als der Generalbundesanwalt im Februar 1992 ein Ermittlungsverfahren wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gegen 33 mutmaßliche „Weiße Ritter des KKK“ einleitete – darunter auch Carsten Sz. –, machte er gegenüber den BKA-Vernehmern umfangreiche Aussagen. Drei Monate später, am 8. Mai 1992, ist Carsten Sz. der Anführer einer Gruppe von Naziskins, die in einer Diskothek im brandenburgischen Dorfs Wendisch-Rietz unter lauten „Ku-Klux-Klan“- und „White Power“-Rufen über den nigerianischen Lehrer Steve Erenhi herfallen. Obwohl Zeugen nach dem Angriff, den das Opfer mit schwersten Kopfverletzungen nur knapp überlebt, Carsten Sz. als den Rädelsführer benennen, gibt es keine Fahndung nach ihm. (…) Die vorzeitige Haftentlassung auf Bewährung Ende 1999 für Carsten Sz. begründet ein Gericht ausgerechnet mit dessen Anstellung im Neonaziladen von Antje und Michael P. V-Mann „Piatto“ erfährt von den Chemnitzern, welche Pläne das dort untergetauchte Trio hat. „Wir gehen davon aus, dass bei ’Blood & Honour‘-Treffen im September und Oktober 1998 mehrere Chemnitzer Unterstützer des Trios mit Piatto sowie zwei weiteren Neonazis aus Thüringen über die Finanzierung und die weitere Unterbringung der drei gesprochen haben“, sagt Nebenklagevertreter Scharmer. „Daher halten wir es für absolut notwendig, Carsten Sz. in München als Zeuge zu hören.“ Brandenburg pocht auf Quellenschutz Doch genau das will das Innenministerium Brandenburg offensichtlich nicht. Denn dessen Vernehmung in München birgt viele Unwägbarkeiten. So war im Bundestagsuntersuchungsausschuss offen geblieben, ob und wie die Fahnder des Thüringer Landeskriminalamts von Verfassungsschützern über die Meldungen von „Piatto“ zum gesuchten Trio informiert wurden. Denn schon 1998 hatte der Verfassungsschutz Brandenburg auf absoluten „Quellenschutz“ für „Piatto“ bestanden. In Bedrängnis geraten könnte auch der damalige V-Mann-Führer Gordian Meyer-Plath, der seit eineinhalb Jahren den Verfassungsschutz in Sachsen als neuer Präsident reformieren soll. Und nicht zuletzt ist die Rolle von Carsten Sz. bei der Waffenbeschaffung für das Trio völlig offen. So existiert eine Meldung eines Berliner Neonazis und V-Mannes, wonach Carsten Sz. ebenjenem Jan W. aus Chemnitz Waffen angeboten haben soll. Dazu passt eine SMS von Jan W. am 25. August 1998 an das von Carsten Sz. genutzte Handy mit der Frage „Wo bleibt der BUMS?“, die die Polizei abgefangen hatte. Und nicht zuletzt wurde Carsten Sz. im Sommer 2000 als Quelle „Piatto“ abgeschaltet, weil er gemeinsam mit anderen Neonazis unter dem Label „Nationalrevolutionäre Zellen“ an der Planung von Anschlägen mit Rohrbomben und Präzisionsgewehren auf Linke beteiligt war. Bis dahin hatte er 50.000 Euro als steuerfreie Prämien kassiert – genau die Summe, der er Steve Erenhi an Schmerzensgeld schuldig blieb.

via taz: Spitzelschutz im NSU-Umfeld – Die wissende Quelle

Der Verfassungsschutz und die Vernehmung von V-Mann “Piatto”

Dass Quellenschutz bei Geheimdiensten oberste Priorität genießt, wird derzeit beim NSU-Prozess in München einmal mehr deutlich. Der Verfassungsschutz Brandenburg behindert die Vernehmung des V-Mann “Piatto”. Einige meinen sogar: Der Geheimdienst will sie verhindern. Am 4. November 2014 soll der Zeuge Carsten Szczepanski vernommen werden. Nach Angaben von Vertretern der Nebenkläger liegt für den Zeugen erstmals eine sogenannte Sperrerklärung vor. Der Brandenburger Verfassungsschutz möchte, dass sein ehemaliger V-Mann „Piatto“ nicht in München aussagt. Allenfalls sei eine Videovernehmung mit einem unkenntlich gemachten Zeugen in Begleitung eines Rechtsbeistandes möglich. Von diesem Rechtsbeistand sei nicht klar, wessen Interessen er eigentlich vertreten soll und wer ihn dafür bezahlt, betont Rechtsanwalt Scharner. Der Anwalt betont, dass der Beistand darauf achten solle, dass keine Fragen über die Aussagegenehmigung hinaus beantwortet werden. Zudem soll die Öffentlichkeit aus der Verhandlung ausgeschlossen werden, weil Carsten Szczepanski im Zeugenschutzprogramm sei. Zu groß sei angeblich die Gefahr, dass von rechtsextremistischen oder vermeintlichen linksextremistischen Kreisen Gewalt gegenüber dem Zeugen ausgeübt werden könnte. Rechtsanwalt Scharner erklärt dazu: “Wir haben insoweit den Senat darum gebeten, dem Verfassungsschutz Brandenburg noch einmal die realen Bedingungen in München mitzuteilen. Der Angeklagte Carsten Szczepanski sitzt seit über 150 Verhandlungstagen im Saal. Gefahren für Gewalttätigkeiten sind insoweit nicht ersichtlich. Fotos von ihm kursieren in der Presse nicht. Er hat separaten Zugang und wird von Beamten des Zeugenschutzes abgeschirmt. Tino Brandt, ebenfalls ehemaliger V-Mann, hat umfangreich und ohne Zeugenschutzmaßnahmen ausgesagt. Gefahren für ihn sind nicht ebenfalls ersichtlich, obwohl sein aktueller Aufenthaltsort bekannt ist. Das Thüringer Landesamt für Verfassungschutz hat für keinen V-Mann bislang eine Sperrerklärung abgegeben. Der Angeklagte Holger G. war ursprünglich auch im Zeugenschutzprogramm. Inzwischen läuft er ohne Beschränkungen und Bewachung im und vor dem Gericht herum. Gefahren für ihn sind nicht ersichtlich, obwohl er jedenfalls in seinen BKA-Vernehmungen belastende Angaben gemacht hat.” Scharner stellt fest, dass der Brandenburger Verfassungsschutz die Vernehmung des ehemaligen V-Manns “stark erschweren, wenn nicht sogar verhindern” will. Er “sabotiert damit die notwendige Aufklärung des Strafverfahrens und vergrößert damit Chancen für mögliche Rechtsmittel der Angeklagten”. Die Gründe dafür erscheinen vorgeschoben, so Scharner. Der Verantwortliche SPD-Innenminister Holzschuher aus Brandenburg sollte diese Entscheidung dringend überdenken.

via publikative: Der Verfassungsschutz und die Vernehmung von V-Mann “Piatto”

#NSU – Die Spur des Geldes

Ein abgetauchter #V-Mann bringt den #Verfassungsschutz in Bedrängnis: Warum bekam er einen so hohen Agentenlohn? Wer in die Wälder der schwedischen Provinz Värmland aufbricht, um dort eine der schillerndsten Figuren der früheren Thüringer Neonaziszene zu seinen Kontakten zum NSU-Trio zu befragen, kommt zu spät. Michael Doleisch von Dolsperg hat seinen Ökohof Snaret – auf Deutsch Gestrüpp – verkauft. Einen Tischlereibetrieb hat er jetzt aufgemacht, an einem anderen Ort in Schweden. Er will dort ein neues Leben beginnen, wieder einmal. Aber die Vergangenheit lässt ihn nicht los, wohl schon bald wird ihn das Oberlandesgericht in München als Zeugen im NSU-Prozess laden. Und auch ein neuer NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags, der immer wahrscheinlicher wird, dürfte sich für den langhaarigen, bärtigen Mann interessieren. Denn von Dolsperg, der in den 90er Jahren Michael See hieß und der führende Neonazi in Nordthüringen war, gehörte als V-Mann „Tarif“ zu den Topquellen des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) im Umfeld des NSU-Trios. Erst Anfang Oktober vergangenen Jahres, nach dem Ende des NSU-Untersuchungsausschusses, war von Dolsperg als ehemaliger V-Mann enttarnt worden. Der wegen versuchten Totschlags vorbestrafte Neonazi hatte demnach unter dem Decknamen „Tarif“ von 1995 bis mindestens 2001 mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz kooperiert. Faktisch unter den Augen des Inlandgeheimdiensts publizierte er zudem jahrelang die rassistische Nazipostille Sonnenbanner. Ein Exemplar dieses Blatts wurde auch in der 1998 ausgehobenen Bombenwerkstatt des NSU-Trios in Jena gefunden. In Artikeln des Sonnenbanner wird unter anderem das – vom NSU später umgesetzte – Konzept autonomer Kämpferzellen propagiert, die im Untergrund das demokratische System bekämpfen. (…) Folgt man der Darstellung des seit zwölf Jahren in Schweden lebenden Neonazis, dann haben seine Verbindungsführer vom Verfassungsschutz sogar regelmäßig diese Artikel vor Drucklegung redigiert. „Das BfV bekam alle Ausgaben (des Sonnenbanner) von mir vorab“, sagte von Dolsperg im Februar dem Spiegel-Reporter Hubert Gude. Änderungswünsche vom Bundesamt habe es demnach bis auf eine Ausgabe, bei der es um die Gestaltung des Titelblatts ging, nie gegeben. Bezahlt habe er die Produktion der Hefte zum Teil von seinen V-Mann-Honoraren. In seiner achtstündigen Vernehmung durch die Bundesanwaltschaft am 10. März 2014 ging der ehemalige V-Mann in seinen Aussagen über die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt sogar noch weiter. Demnach habe er 1998, kurz nach dem Abtauchen des Trios, einen wichtigen Hinweis dazu an das BfV weitergegeben, ohne dass dieser weiterverfolgt wurde. Laut von Dolsperg habe ihn damals der mit ihm befreundete Jenaer Neonazi André Kapke angerufen, nach 1998 einer der wichtigsten Fluchthelfer von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Kapke habe ihn, von Dolsperg, um Hilfe bei der Suche nach einem Unterschlupf für die drei Gesuchten gebeten. Der V-Mann will damals unmittelbar nach dem Anruf seinen Verbindungsführer „Alex“ vom BfV angerufen und über die Kapke-Anfrage informiert haben. (…) Und noch etwas ist seltsam: Von Dolsperg gab bei der Bundesanwaltschaft an, 2001 von sich aus die Zusammenarbeit mit dem BfV beendet zu haben und mit seiner Frau nach Schweden ausgewandert zu sein. Es hätten keine Treffen mehr stattgefunden, allerdings sei er vom Bundesamt auch nicht formal entpflichtet worden. Spiegel-Reporter Gude, der im September 2012 Kontakt mit ihm aufnahm, habe ihm jedoch vorgehalten, bis 2003 als VM gearbeitet zu haben – „was definitiv nicht stimmen konnte“, wie von Dolsperg in der Vernehmung vom März 2014 sagte. Der Spiegel-Reporter habe ihm auch was von einem Auto im Wert von 15.000 DM erzählt, das der V-Mann vom Verfassungsschutz bekommen haben soll – auch das soll laut „Tarif“ nicht stimmen. Wenn die Aussagen von Dolspergs zutreffen sollten, ergibt sich ein ganz neuer Verdacht: Sind unter dem V-Mann-Konto von „Tarif“ getarnte Zuwendungen auch an andere Personen – weitere Quellen oder BfV-Mitarbeiter – abgerechnet worden? Und ist das womöglich der Grund für das Schreddern der „Tarif“-Akte?

via freitag: Die Spur des Geldes

Aufbauhilfe: Welche Rolle spielten V-Leute für das Entstehen der heutigen Neonazi-Szene?

Zentrale Akteure der militanten Neonazi-Szene der 1990er Jahre standen im Solde des „Verfassungsschutz“. Selbst das „Bundeskriminalamt“ warnte vor davor. Welche Rolle spielten sie für das Entstehen der heutigen Neonazi-Szene? Etwa 20 Spitzel befanden sich im direkten Umfeld des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) und gut 30 rund um den „Thüringer Heimatschutz“ (THS), aus dem die Terrorgruppe entstand. Auswertungen der Berichte der Untersuchungsausschüsse, journalistischer Recherchen und geleakter Akten aus dem Behörden weisen das nach. Viele sind mittlerweile namentlich bekannt, von anderen kennt man bisher nur Decknamen. Nicht alle haben wertvolle Informationen geliefert, manche wurden schnell wieder „abgeschaltet“ oder gar nicht erst zur dauerhaften Zusammenarbeit verpflichtet. Doch eines ist nach bald drei Jahren NSU-Aufklärung klar: Die Spitzel waren immer nahe dran am Geschehen und unterstützten teils die abgetauchten Mitglieder der Terrorgruppe im Untergrund. Durch die NSU-Aufklärung lässt sich mittlerweile eine recht genaues Bild der Nazi-Spitzel der 1990er Jahre und ihres Wirkens zeichnen. Sie waren zentrale Akteure der Szene, sie begingen Gewalt- und Straftaten, sie bauten militante Strukturen auf und versorgten die Szene mit Geld aus ihren Spitzel-Honoraren. Vor Strafverfolgung wurden sie offenbar immer wieder geschützt, zum Beispiel durch Warnungen vor Razzien. In einem geheimen Papier der „Abteilung Staatsschutz“ des „Bundeskriminalamtes“ (BKA) wurde das 1997 mehr als deutlich kritisiert (s. DRR Nr. 140). Die Polizei fühlte sich durch den Geheimdienst ausgebremst und begründete detailliert, wie führende Nazi-Kader gefördert und angestachelt wurden. Sie warnte vor einem „Brandstifter-Effekt“ durch die Aktivitäten der Spitzel. Die Verfassungsschutz-Behörden waren durch ihre Quelle zwar oft recht genau über die Szene informiert, doch der praktische Nutzen blieb – im besten Fall – gering. Informationen wurden nicht genutzt, um die Informanten zu schützen. Muß die Geschichte des militanten Neonazismus der 1990er Jahre in Deutschland, so wie wir sie bisher kennen, neu geschrieben werden? Tino Brandt, Kai Dalek, Marcel Degner, Nick Greger, Michael Petri, Andreas Rachhausen, Carsten Szczepanski, Michael See, Thomas Starke, Norbert Weidner, Michael Wobbe, Andree Zimmermann und viele weiter – sie alle waren führende und bekannte Neonazis der damaligen Jahre. Es waren Kader aus den militanten Strukturen der 1990er Jahre, die die damalige Szene dominierten und deren Wirken bis heute fortwirkt: Neonazis aus dem „Thüringer Heimatschutz“, der „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“, der „NSDAP/AO“, der „Sauerländer Aktionsfront“ oder der „Nationalen Liste“ – kurzum: aus dem Geflecht der „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF) – und natürlich aus der NPD. Wurden diese Nazis vor allem deswegen zu einflussreichen Kadern, weil der Geheimdienst sie mit Geld und Informationen versorgte und sie ermunterte, in Strukturen einzusteigen, Positionen zu übernehmen und Aktivitäten zu entfalten? Oder warb der Dienst einfach jene an, die schon an Schaltstellen der Szene saßen, um besser an Informationen zu gelangen?

via nsu watch: Aufbauhilfe: Welche Rolle spielten V-Leute für das Entstehen der heutigen Neonazi-Szene?

Als Beate Zschäpe noch redete

Eine Puppe mit einem Judenstern hing 1996 von einer Autobahnbrücke. An die Details erinnert sich die ermittelnde Polizistin im NSU-Prozess nicht mehr. Bei der damaligen Vernehmung zeigte sich Beate Zschäpe im Gegensatz zu heute aber sehr auskunftsfreudig. Beate Zschäpe wirkt heute nervös, sie lutscht eine Pastille und schaut etwas angestrengt zu der Zeugin. Die ist eine Polizistin aus Thüringen, die in den neunziger Jahren gegen Zschäpe und andere aus der rechten Szene ermittelte. Dieser Kreis habe damals seine Gesinnung “gelebt” und deutlich zum Ausdruck gebracht.(…) Die Polizistin hatte mehrmals mit Zschäpe zu tun, im NSU-Prozess geht es nun speziell um eine Vernehmung im Juni 1996. Eine Sonderkommission ermittelte gegen mehrere Beschuldigte, unter anderem Zschäpe, wegen einer Puppe, die von einer Autobahnbrücke hing und an der ein Judenstern angebracht war. Besonders verdächtig war Uwe Böhnhardt, dessen Fingerabdrücke an einem Karton identifiziert wurden, der am Tatort lag. (…) Interessanterweise war sie damals in mancher Hinsicht ziemlich redselig. So ließ sie sich erstaunlich ausführlich über André K. aus, einen Kameraden aus der Szene in Jena, den sie den “Dicken” nannte. Der würde sich gern aufspielen und prahlen. Gegen den Willen von Zschäpes Verteidigern liest Richter Manfred Götzl auch eine Passage aus der alten Vernehmung vor, in der es um die Gesinnung geht: “Zu meiner Gesinnung möchte ich sagen, dass diese zwar rechtsgerichtet ist, ich deswegen aber keine Straftaten begehe.”

via sz: Als Beate Zschäpe noch redete

„Ansgar Aryan“-Model outet sich als NSU-Sympathisant

Vor dem Landgericht München müssen sich derzeit Beate Zschäpe und vier ihrer Mitverschwörer verantworten. Zwei weitere mutmaßliche NSU-Terroristen – Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos – entzogen sich einer rechtsstaatlichen Verhandlung durch Selbstmord. Ausgerechnet das BKA-Fahndungsfoto eines der beiden Mörder verwendet ein Thüringer Neonazi als Facebook-Profilbild. R. gilt als Weggefährte des bayerischen Neonazi-„Hipsters“ Patrick Schröder, für dessen Modelabel „Ansgar Aryan“ er als Model posiert. Ihm stoße besonders sauer auf, dass „sich die Partei [die NPD, Anm. der Red.] sofort von Ralf Wohlleben distanziert“ habe, obwohl der frühere thüringische NPD-Vize als unschuldig gelte. Die Untersuchungshaft des Spitzenkaders sei ohnehin ein „schlechtes Argument für die Öffentlichkeit“. Gleichzeitig dürften weitere Gewalttäter im Amt bleiben, obwohl diese Ermittlungen verschwiegen hätten. Mit diesem Facebook-Kommentar schaltete sich Marcus R. in die Facebook-Diskussion um die Zukunft von Patrick Wieschke ein. Gegen den (Noch)-Chef der NPD im Freistaat werden in diesen Tagen Rücktrittsforderungen der Basis laut. Einige seiner bisherigen Anhänger werfen dem 33-jährigen Neonazi, der u. a. wegen Anstiftung zu einer Sprengstoffexplosion vorbestraft ist, vor, die Wahlniederlage Mitte September mitverschuldet zu haben. Unmittelbar vor dem Urnengang hatte ein linkes Rechercheportal Ermittlungsakten über die dunkle Vergangenheit des einstigen NPD-Bundesvorstandsmitgliedes veröffentlicht. Doch nicht nur für Wohlleben zeigt R. Sympathien. Seit 10. Oktober verwendet der in Suhl lebende Neonazi auf Facebook als Profilbild ein Fahndungsfoto des BKA. Wie bei anderen Neonzis üblich, bedient er sich bei der Behörde ohne sich um die Rechte zu scheren oder die Quelle anzugeben. R.s` Wahl fiel nicht auf einen beliebigen Flüchtigen, sondern auf Uwe Böhnhardt. Als Mitglied der Mörderbande des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) soll Böhnhardt zehn Menschen, neun davon mit Migrationshintergrund, erschossen sowie weitere Bombenanschläge und Banküberfälle verübt haben. Seiner Verantwortung entzog sich der Neonazi im November 2011 durch Selbstmord. Den NSU bezeichnet R. als „Komödienstadl“.

via endstationm rechts: „Ansgar Aryan“-Model outet sich als NSU-Sympathisant

Screenshot Facebook-Profil: https://archive.today/zwvJ1

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