Der Vatikan heiligt die Mittel

Heribert Blondiau, Udo Gümpel: Der Vatikan heiligt die Mittel. Mord am Bankier Gottes

Mit Zutaten wie Verschwörung, Unterschlagung, Mord, Spionage, Geheimdienste und Vatikan erscheint der Tod von Roberto Calvi, dem “Bankier Gottes”, wie eine Mixtur eines packenden Krimis alà Forsyth oder vergleichbaren. Doch bei “Der Vatikan heiligt die Mittel” handelt es sich um keine Fiktion, sondern um die Darstellung des Todes von Roberto Calvi, Kopf der italienischen Banco Ambrosiano und der mächtigste Geheimbankier des Vatikan, der am 18.6.1982 in London “selbstgemordet” an einer Themsebrücke, der Blackfriars Bridge, aufgehängt gefunden wurde. Erst nach Jahrzehnten wird daraus nun ein Mordprozess (siehe auch intern Presseschau;).

Zur offensichtlichen Geschichte: Im Frühsommer 1982 platzt der größte Bankskandal der italienischen Geschichte – die Banco Ambrosiano des Mailänder Großbankiers Roberto Calvi hat ein Schuldenloch von 2.000 Milliarden Lire. Verstrickt in diese Affäre ist auch die Vatikanbank, und bevor es zu einem Prozess und der Aufklärung der Misere kommt, wird Calvi in der Bank entmachtet und flieht; am 18.6.1982 wird seine Leiche dann in London gefunden. Eine erste Obduktion, nachträglich als mehr als unzureichend entlarvt, erklärte den Tod zum Selbstmord, und erst eine Klage von Clavis Frau führte dazu, dass 1983 ein Londoner Gericht die Todesursache von “Selbstmord” in “open verdict” umwandelte – was bedeutet: eine Entscheidung zwischen Mord und Selbstmord war für das Gericht nicht möglich.

1999 kam die römische Staatsanwaltschaft zur Gewißheit, dass es sich bei Calvis Tod um einen Mord gehandelt hat. Dem voraus gingen diverse Aktenfunde und Skandale, die Querverbindungen zeigten zwischen dem Vatikan, der Vatikanbank IOR, der antidemokratischen “Loge” Propaganda Due (P2), dem CIA, der Mafia, der Protektion Verurteilter durch Regierungs- und Oppositionsparteien und dem Ableben zahlreicher Protagonisten und mittelbar und unmittelbar Beteiligter – Ähnlichkeiten mit anderen Ereignissen drängen sich auf… 1997 beantragt die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen die Mafiamitglieder Pippo Calò und Flavio Carboni, die als mutmaßliche direkte Auftraggeber des Mords an Calvi angesehen werden.
“Calvi sollte für immer der Mund geschlossen werden, weil er alle Geheimnisse der Geldwäsche der Mafia durch die Banco Ambrosiano und die Vatikan-Bank wusste“, berichtet die römische Zeitung “La Repubblica” in diesem Zusammenhang. Die italienische Staatsanwaltschaft hat vier Mordverdächtige benannt: der schon eine langjährige Haftstrafe verbüsende sizialianische Mafiosi Pippo Calo, seine Helfer Flavio Carboni und Ernesto Diotallevi sowie Manuela Kleinszig, Carbonis österreichische Freundin, sollen laut Staatsanwaltschaft für die Ermordung des Bankiers verantwortlich sein.

Die Autoren des Buches gehen weiter als die Staatsanwaltschaft. Getrieben von der Frage: “Cui bono?” gehen sie den Zusammenhängen und Verstrickungen um Calvi nach. Das Buch “Der Vatikan heiligt die Mittel” setzt sich detailliert mit den Hintergründen des Mordes an Roberto Calvi auseinander. In Gesprächen mit dem mutmaßlichen Mörder, Journalisten, Augenzeugen und hohen Repräsentanten aus Kirche und Politik decken sie Intrigen von ungeahnten Ausmaßen auf: Calvi finanzierte sowohl betrügerische Geschäfte des Vatikans als auch eine antikommunistische Allianz von Reagan-Regierung und Papst, vereint in ihrem Kampf gegen den Weltkommunismus. So steht der Zusammenbruch der Banco Ambrossioano ursächlich im Zusammenhang mit der massiven finanziellen (und für Calvis Bank ruinösen) Unterstützung der polnischen Solidarnosc durch den Vatikan. Nach dem Zusammenbruch drohte Calvi, diese Zusammenhänge offenzulegen – und wurde deshalb “selbstgemordet”.

Die Gestaltung des Buchs, das sowohl chronologische Übersichten der Ereignisse wie zahlreiche Gespräche enthält, macht daraus trotz der bedrückenden Thematik ein erfrischend zu lesendes Werk, das wir nur empfehlen können. Geschmälert wird der Gebrauchswert jedoch durch das fehlende Namens- und Organisationsverzeichnis sowie der gänzliche Verzeicht auf Anmerkungen, Literaturverweise und Hinweise, wie manche der Schlußfolgerungen etc. zustande kamen – schade eigentlich.

Heribert Blondiau, Udo Gümpel:Der Vatikan heiligt die Mittel. Mord am Bankier Gottes; Düsseldorf (Patmosverlag) 1999; 250 Seiten (Hardcover)

Inhaltsverzeichnis

Ein Wort vorweg

Die Pointe des Pathologen

Die letzten Tage

Der letzte Zeuge

Begegnung an der Brücke

Am Anfang war der Tod

Der Partner in Wien

Feine Gesellschaft

Eine korrekte Beobachtung

Die Spur des Paten

Der Lockvogel

Verbrechen auf eigene und fremde Rechnung

Die Schulterklopfer

Die polnische Karte

Die Chefs der Ave Maria

Das Geständnis

Der Plan des Roberte Calvi

Im Spinnennetz

Der Vatikan heiligt die Mittel – schon immer

Ein politischer Mord

Chronologie des Falls

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