GLADIO

GLADIO. Strategie der Spannung, starker Staat und Unterstützung von Mord, Terror und Verschwörung durch Staat, NATO und CIA

Es klingt wie eine düstre Verschwörungstheorie, es könnte aus der Feder von Le Carré oder Forsythe, aus einer “Bananenrepublik” oder einer anderen Diktatur stammen – eine europaweite, paramilitärische Geheimorganisation der Geheimdienste und Regierungen, jenseits jeglicher demokratischer Kontrolle und ohne Kenntnis der Parlamente, die einen starken Staat forcieren soll und eine “Strategie der Spannung” gegen Liberalisierung, Sozialismus und Demokratisierung umsetzt und dafür über hunderte von Leichen geht. Mithin: Institutionalisierte Totengräber der Demokratie auf Staatskosten…

“Die CIA und ihr nacheifernde NATO-Dienste bauten neben den offiziellen Spionageagenturen zielstrebig andere topgeheime Strukturen auf. Nach dem römischen Kurzschwert GLADIO benannte man das hinterhältige Kind. (…) ‘Es gibt Zeiten, in denen sich die Regierungen mancher Länder gegenüber einem drohenden kommunistischen Umsturz unentschlossen und passiv verhalten. In solchen Zeiten muß der militärische Geheimdienst der Vereinigten Staaten in der Lage sein, die Regierungen und die Bevölkerung dieser Länder von der Gefahr… zu überzeugen. Der militärische Geheimdienst muß einem Aufstand zuvorkommen…‘” (US Intelligence Field Manual 30-32b.)

GLADIO existiert(e) europaweit. In der NATO, doch unabhängig von ihr, gab es ein Führungszentrum, Intellegence Tactical Assistment Center. In England steuert eine Funkzentrale den “Job” der Leute in Dänemark, Norwegen, in Schweden und der Schweiz, Belgien, Spanien, der Türkei. (…) Im Oktober 1981 entdeckten Waldarbeiter in einem Waldgebiet unweit Uelzen 33 zusammengehörige Erddepots mit Maschinenpistolen, 14.000 Schuß Munition, 156 kg Sprengstoff, 258 Handgranaten. Angeblich gehörten die fabrikneuen Teile dem Neonazi Lemke, den man alsbald verhaftete. Unglücklicherweise beging dieser nach offizieller Darstellung im November 1981 Selbstmord, vermerkt Geheimdienstexperte Schmidt-Eenboom in seinem BND-Kompendium . (…) In GLADIO-Licht betrachtet, bekommen faschistische Wehrsportgruppen mit ihren militärischen Fitness-Wochenenden eine interessante Färbung. (…) Doch zumeist werden entdeckte Waffen- und Ausbildungslager ohne Beleg linken Gruppen zugeschrieben. Darauf hat man sich auch in der Schweiz, wo 50 Depots und in den Benelux-Staaten, in denen mindestens 25 Depots aufflogen, verständigt.(…) Daß Bonn im Herbst 1990 versprach, den bundesdeutschen GLADIO-Ableger Stay behind zu eliminieren, geschah kaum aus Einsicht. Am 22. November 1990 verabschiedete das Europaparlament eine erzürnte Entschließung. Man verurteilte international vernetzte Geheim-Geheimdienste, protestierte gegen US-Einmischung und NATO-Anmaßung. Gefordert wurde eine “komplette Bestandsaufnahme der auf diesem Gebiet tätigen Organisationen“. Vom EU-Ministerrat war verlangt, eine “ausführliche Informationen über die Arbeitsweise dieser geheimen Nachrichtendienste und Aktionsgruppen zu erteilen”. Man wartet noch immer auf Fakten.

Das Buch bietet auf knapp 150 Seiten einen Überblick über die Entstehung von Gladio nach heutigem Kenntnisstand sowie schwerpunktmäßig Berichte über Gladio in verschiedenen europäischen Staaten. Es zeigt die Querverbindungen von Polizei, Militär, Geheimdiensten und Terrorgruppen, meist Neofaschisten. Es ist vor allem deshalb empfehlenswert, weil hier relativ kompakt ein Großteil des Wissensstandes zusammengefaßt wurde, der bislang nur in diversen Zeitschriften und Buchkapiteln verstreut zu finden war.

Dennoch gibt es dabei auch Schwächen, angefangen bei der Periodisierung. So beginnt lt. dem Buch die Geschichte von Gladio im Jahre 1947. Damit werden jedoch einige für seine Entwicklung wichtige Punkte ausgeblendet, beispielsweise die Verbindungen z.B. zu Mafia und Fluchthilfeorganisationen für Nazis, derer sich beim Aufbau des Netzes bedient wurde. Die Erwähnung in einer Fußnote und einem Nebensatz alleine ist dafür keine adäquate Darstellung. Die Entwicklung des “antikommunistischen Partisanennetzes” begann jedoch schon 1944 (Landung der Amerikaner in Sizilien) und ist verbunden mit dem Namen Charles Poletti und dem OSS, dem Vorläufer des CIA. Ebenfalls nur am Rande findet die “Loge” Propaganda Due (P2) Erwähnung, und bei allen aufgezählten und mit Gladio in Zusammmenhang stehenden oder in Zusammenhang gebrachten Terroranschlägen beliben Entführung und Ermordung Aldo Moros, die erst zur Aufdeckung von Gladio führten, sowie die zahlreichen Ungereimtheiten, die auf die Involvierung und Beteiligung von staatlichen Stellen und Geheimdiensten deuten, unerwähnt. Trotz dieser Schwächen – es ist das einzige derzeit im Buchhandel zu erwerbende deutschsprachige Buch zu Gladio, und die zahlreichen Querverweise sowie das von Elefantenpress gewohnte Namens- und Organisationsregister können vielleicht den/die eineN oder andereN für den hohen Preis entschädigen.

Mecklenburg, Jens (Hg): GLADIO. Die geheime Terrororganisation der Nato; Berlin (extern Elefanten-Press) 1997 144 Seiten Paperback; DM 24,90

Inhaltsverzeichnis

  • Gladio, die Strategie der Spannung und der radikale Antikommunismus
  • Fremde Heere West – Gladio in Europa
  • Gladio in Italien (siehe auch: intern Feldbauer: Von Mussolini bis Fini. Die extreme Rechte in Italien)
  • Gladio in der Bundesrepublik
  • Diener zweier Herren – Gladio in Österreich
  • Südtirol – Krieg der Gladiatoren
  • Gladio in der Türkei
  • Personenregister
  • Sachregister

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