NSU-Prozess: Das Brief-Geheimnis

Torsten W. hat gegenüber Ermittlern eingeräumt, schon 2002 einen Brief vom NSU erhalten zu haben. Er erzählte auch Details – doch inzwischen sind W. die Erinnerungen auf sonderbare Weise abhandengekommen. Es ist eine Krux mit den Zeugen. Die einen erinnern sich so, die andern anders, die nächsten gar nicht mehr. Erinnerungsschwache Zeugen sind im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München schon einige zu erleben gewesen. Am Dienstag aber gibt es eine Premiere. Es geht um den Verdacht einer Straftat mitten in der Hauptverhandlung an diesem 302. Tag des Prozesses, mutmaßlich begangen von einem Anwalt. Der Vorwurf der Straftat richtet sich gegen den Rechtsbeistand, den der Zeuge Torsten W. mitgebracht hat. Das führt zu der ungewöhnlichen Situation, dass diejenigen, die eben noch Torsten W. intensiv zum sogenannten NSU-Brief befragt haben, sich mit einem Mal selbst in der Zeugenrolle wiederfinden. Ungenaue Erinnerungen auf allen Seiten. Der Anwalt von Torsten W. soll seinem Mandanten empfohlen haben, auf eine Frage der Bundesanwaltschaft wahrheitswidrig zu antworten, er wisse nicht mehr, wer im Jahr 2002 zu seinen Freunde gezählt habe. Der Anwalt hat offenkundig nicht leise genug mit seinem Mandanten geflüstert. Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten reagiert jedenfalls sofort und beantragt, die Äußerung des Zeugenbeistands ins Protokoll aufzunehmen. Es geht um den Vorwurf der Anstiftung zur uneidlichen Falschaussage. (…) Torsten W. hingegen hatte zuvor über Vorgänge von vor 14 Jahren Auskunft geben sollen. Der 33-jährige Maschinenanlagenführer aus Wolfen in Sachsen-Anhalt war einst Herausgeber der Neonazi-Postille “Fahnenträger”. Im Gegensatz zum Schweriner NPD-Abgeordneten David Petereit räumt Torsten W. durchaus ein, 2002 einen Brief vom NSU erhalten zu haben. Im Umschlag hätten ein 500-Euro-Schein und ein DIN-A4-Blatt gelegen. Auf der einen Seite des Blattes war das NSU-Logo, auf der anderen Seite standen ein Text und die Worte “Nationalsozialistischer Untergrund”. So hat W. es 2012 beim Bundeskriminalamt (BKA) ausgesagt. Nur: Heute will sich Torsten W. an all das kaum noch erinnern. Von selbst erwähnt er das NSU-Logo vor Gericht nicht. Er spricht nur von einem “Bild”. Wie habe das Bild ausgesehen, fragt Richter Manfred Götzl. “Bunt”, sagt W. An den Textinhalt erinnere er sich nicht mehr. Er habe auch nicht gewusst, was der NSU sei. Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kenne er nicht. Den Brief habe er damals zeitnah vernichtet. Die Ermittler fanden eine digitale Fassung des NSU-Briefes auf einer Festplatte in der ausgebrannten Wohnung von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in Zwickau. Darin stellt sich der NSU der rechten Szene vor und wirbt für sein Ziel, “der energischen Bekämpfung der Feinde des deutschen Volkes”, “getreu dem Motto ‘Sieg oder Tod'”. Oder auch nur vielleicht Torsten W. gerät mehrmals ins Stammeln, als der Richter ihm seine Antworten beim BKA vorliest. Vor allem, dass er damals Namen genannt hat, scheint Torsten W. am liebsten ungeschehen machen zu wollen. Er betont wieder und wieder, dass er “extrem übernächtigt” gewesen sei, als ein BKA-Beamter ihn nach der Vernehmung vor vier Jahren noch einmal anrief und ihm am Telefon schließlich doch Namen entlockte. Seiner Mutter habe er den NSU-Brief damals gezeigt, sagte Torsten W. am Telefon. Und einem Freund, Sebastian R. Es ist anzunehmen, dass Torsten W. vor allem die Nennung dieses Freundes Unbehagen bereitet. Das BKA hat nach W.s Aussage versucht, Kontakt zu Sebastian R. aufzunehmen, ihn aber nicht angetroffen. R. war nach Erkenntnis des Landeskriminalamtes Brandenburg zumindest zum Zeitpunkt der Aussage Mitglied der Hells Angels in Potsdam. Kooperation mit der Polizei wird in jenen Kreise nicht gern gesehen. Ob in den vergangenen vier Jahren irgendetwas passiert sei, was erkläre, warum er sich beim BKA zehn Jahre nach Erhalt des NSU-Briefes sogar noch an den Umschlag erinnern konnte, heute aber mit einem Mal beinahe an gar nichts mehr, fragt Weingarten. Nein, sagt Torsten W. Ob es zwischenzeitlich vielleicht eine Begegnung mit Sebastian R. gegeben hat, fragt Weingarten nicht.

via spon: NSU-Prozess: Das Brief-Geheimnis

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