Nationalismus ist Idiotie

Das Flüchtlingselend ist national so wenig zu bewältigen wie die Klimakatastrophe. Die brutale Geschichte der Staaten Europas sollte Politikern von heute eine Lehre sein. Gastbeitrag von Norbert Blüm Soll Europa sich mit Mauern umgeben und das Elend der Welt aussperren? Wie hoch muss die Mauer werden, damit sie unüberwindbar wird? Wie dicht soll die Grenze sein, damit sich nirgendwo ein Schlupfloch findet? Wie lang wird der Zaun sein, der nicht umgangen werden kann? Es gehört zu den Paradoxien der Zeitgeschichte, dass ausgerechnet Staaten wie Polen und Ungarn am lautesten die Aussperrung der Flüchtlinge verlangen. Sie haben doch selbst noch vor ein paar Jahren erfahren, was es bedeutet, von Europa ausgesperrt zu sein, hinter einem Eisernen Vorhang zu leben. Polen zerstört so die Erinnerung an die Befreiungsbewegung Solidarność. Die Hoffnung der Polen war die Heimkehr ihres Landes in ein freies Europa. Die Ungarn verordnen sich gegenwärtig selbst einen Gedächtnisschwund. Sie lassen ihre Heldentat vergessen, die Entscheidung von 1989, den Stacheldraht zu durchtrennen, um DDR-Bürgern die Flucht zu ermöglichen. Damals riskierte das Land sogar die Rache der Sowjetunion, die schon einmal, 1956, die ungarische Freiheitsbewegung mit Panzern niedergewalzt hatte. 2016 zeigen die Ungarn nationalen Autismus und verraten so die besten Traditionen Europas. Der Nationalismus ist eine Festung, die nur eine Zugbrücke besitzt. Dahinter sind alle Insassen geschützt und gefangen. National ist das Flüchtlingselend so wenig zu bewältigen wie die Klimakatastrophe. Auch der globale Terrorismus lässt sich nicht mit nationalen Einheiten überwinden, der globale Finanzkapitalismus nicht national bändigen. Die großen Probleme der Welt sind also dem Nationalstaat längst über den Kopf gewachsen. Was verlieren wir, wenn wir ihn aufgeben? Nur 74 Jahre existierte das Deutsche Reich, der Inbegriff des deutschen Nationalstaats. Die Zeit entspricht ungefähr einem Menschenleben. In dieser Zeitspanne führte Deutschland dreimal Krieg mit Frankreich. Generationen schlugen sich die Köpfe wegen nationaler Grenzen blutig. Millionen Menschen verloren dabei ihr Leben. Dabei ging es um so banale Fragen, wie die, wo der Grenzstein zwischen Frankreich und Deutschland in den Boden gegraben werde. Warum sollten wir uns nach der Rückkehr zu einem solchen Irrsinn sehnen? (…) Nationalismus versteht etwas von Macht, Glanz und Gloria, weniger von Menschlichkeit. Macht ist die Triebfeder jedweder nationalistischer Politik. Warum sollte ich dem Nationalstaat nachtrauern? Er ist ein Zwischenspiel der Geschichte, weder gottgegeben noch naturgewachsen. Die Nationalstaaten Afrikas sind die Erfindung von Kolonialherren, welche die Grenzen ihrer Reiche mit dem Bleistift auf der Landkarte malten. Um die streiten sich bis heute die Machthaber, die das Ausbeutungssystem aus der Kolonialzeit übernommen haben. In Europa gibt es keinen Nationalstaat, der nicht im Laufe seiner Geschichte teilweise oder ganz im Besitz eines Nachbarstaates gewesen wäre oder sich umgekehrt auf Nachbarstaaten ausgedehnt, bisweilen sie auch ganz geschluckt hätte. Nationalstaaten sind das Ergebnis von Kriegen, Intrigen, Heiraten, Propaganda, Erpressungen, Lug und Trug. Bisweilen dienten Nationalbewegungen der Emanzipation von der alten Obrigkeit, zeitweise aber auch lediglich dem Ersatz der alten durch die neuen autoritären Systeme. Die längste Zeit seiner Geschichte kam Europa ohne Nationalstaat aus. Und es waren darunter große Kulturepochen. Europäische Kultur jedenfalls ist kein nationales Eigengewächs.

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