Pöbelnder Fahrgast Zugbegleiterin setzt Flüchtlingsfamilie in die 1. Klasse

Der Vorfall geschah Anfang 2016. Lena-Sophia Nobbe erinnert sich nicht mehr an den genauen Tag. Für ihren Einsatz wurde ihr nun der Preis der „Zugbegleiterin des Jahres“ verliehen. Lena-Sophia Nobbe hatte schon viele Jobs in ihrem Leben. Kassiererin in einem Baumarkt. Bedienung in einem Schnellimbiss. Sie war Putzfrau, Bus- und Straßenbahnfahrerin.  Nicht alles hat ihr Spaß gemacht. Heute arbeitet Lena-Sophia Nobbe als Zugbegleiterin bei „Abellio“, einem privaten Bahnunternehmen; und das macht ihr Spaß.  Sehr viel Spaß sogar. Wenn nicht Männer wie Frank O. (Name geändert) vor ihr sitzen. Männer, die alt genug sind, die Nazizeit miterlebt zu haben. Und die dennoch „nichts, aber auch gar nichts  begriffen haben“. Dann wird sie innerlich stinksauer und äußerlich gefährlich freundlich. (…) Der Zug ist brechend voll an diesem nasskalten Wintertag.      In der Zweiten Klasse sitzen die Menschen dicht gedrängt, nur in der Ersten ist viel Platz. Es riecht nach Schweiß und feuchtem Stoff. Es riecht nach Angst. Frauen mit Kopftüchern haben ihre Kinder auf den Schoß genommen, überall steht Gepäck:  Rucksäcke, Koffer, prall gefüllte Reisetaschen mit   Aufschriften in arabischer Schrift, die Lena-Sophia Nobbe nicht lesen kann.  Es ist die Zeit der großen Flüchtlingsströme.  (… ) lötzlich hört Lena-Sophia Nobbe eine Männerstimme. Laut, alt, unangenehm: „Pack!“  Sie traut ihren Ohren nicht. Da, schon wieder. „Flüchtlingspack!“ Im Wagen wird es unruhig.
Lena-Sophia Nobbe holt tief Luft und marschiert los. Es ist nicht die erste unangenehme Situation, die sie in ihrem Berufsalltag erlebt.  Betrunkene, Randalierer,  Streuner und Störer – alles schon dagewesen.  Dreimal ist sie von Fahrgästen attackiert  worden. Körperlich und verbal. Jedes Mal „haben alle aus dem Fenster geguckt“.  Geholfen hat ihr keiner. Dennoch, eine Situation wie diese hat sie noch nicht erlebt. „Ich will nicht neben diesem Flüchtlingspack sitzen“, lamentiert der Fahrgast mit der unangenehm lauten Stimme. „Es war ein Herr, der sicher den Krieg  mitgemacht hat und der sehr resolut und arrogant auftrat“, beschreibt Lena-Sophia Nobbe den alten Mann. Und als sei damit alles gesagt: „Das war so ein Typ Mensch. Einer von der ganz alten Garde.“ Der „Typ Mensch“ lässt sich nicht beruhigen. „Pack! Flüchtlingspack!“ Immer wieder spuckt er die Worte aus wie einen alten Batzen Kautabak. (…) Schließlich fällt ihr ein Video ein, das sie ein paar Tage zuvor   gesehen hat. Es ist ein preisgekrönter Anti-Rassismus-Spot des österreichischen „Vereins für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit“ (Zara), und er zeigt eine Szene in einem Flugzeug: Eine ältere Frau beschwert sich  beim Steward, dass sie neben einem farbigen Passagier sitzen soll. Das sei eine Zumutung, raunt sie dem jungen Flugbegleiter zu. Und: Sie wolle umgehend in die Business Class umgesetzt werden. Der Steward stimmt ihr zu. Das sei in der Tat eine Zumutung  – für ihren farbigen Sitznachbarn. Und bittet diesen freundlich in die Business Class. Das ist es! Lena-Sophia Nobbe lächelt. Sehr freundlich. Sehr breit. Extrabreit. Sie beugt sich hinunter zu dem aufgebrachten alten Mann: „Sie haben völlig recht. Die Situation ist unzumutbar – für Ihre Sitznachbarn.“ Dann, sagt sie, habe sie die Flüchtlingsfamilie genommen und in die Erste Klasse gesetzt. Die  Passagiere im Abteil beginnen zu grinsen. Einer von ihnen versteht ein wenig Deutsch und hat die Worte der Zugbegleiterin ins Arabische übersetzt. „Gut gemacht“, sagen die wenigen Deutschen, die sich bis dato herausgehalten haben.

via ksta: Pöbelnder Fahrgast Zugbegleiterin setzt Flüchtlingsfamilie in die 1. Klasse

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