Exklusiv: Wie das BKA Telegram-Accounts von Terrorverdächtigen knackt

Im Frühsommer 2015 organisiert die „Oldschool Society“ ein Treffen in der Kleingartenanlage „Sommerfreude“ nahe der sächsischen Kleinstadt Borna. Doch die Neonazi-Clique möchte in der Laube nicht einfach nur die Seele baumeln lassen—man will die Zukunft planen, und die reicht weit über die Hecken der Anlage hinaus. Dass die Gruppe, der die Generalbundesanwaltschaft die Bildung einer terroristischen Vereinigung vorwirft, zu diesem Zeitpunkt längst abgehört wird, ahnt sie nicht. Tatsächlich steht schon die polizeiliche Anti-Terroreinheit MEK für eine Razzia der Laube bereit. Kurz vor dem entscheidenden Zugriff müssen die Ermittler jedoch dringend genauer wissen, wie gefährlich die Gruppe wirklich ist. Wie konkret sind ihre Anschlagsplanungen? Würde sie auch Waffen gegen Ermittler einsetzen? Ein Jahr später im Gerichtssaal in München wird klar: Die Gruppe hetzt nicht nur verbal, man will weiter gehen und denkt über konkrete gewalttätige Aktionen gegen Flüchtlinge und politische Gegner nach. Das geht aus Nachrichten hervor, die einzelne Mitglieder in Chat-Gruppen der App Telegram austauschten: Hier planen die Neonazis „Kleingruppenaktionen“ und eine „Nachtwanderung“ in neutraler schwarzer Kleidung vom Treffen auf dem Gartengelände aus. Außerdem besprechen sie Anschläge auf den Kölner Dom oder Einkaufzentren, „um das Ausländern und Salafisten in die Schuhe zu schieben“. Man müsse etwas tun, das die Bevölkerung errege. Man wolle in den „bewaffneten Kampf gegen Salafisten“ treten, heißt es im Chat. Die Ermittler des BKA lesen mit, wie die Gruppe die Beschaffung scharfer Waffen—vom Kleinkaliber bis zum Sturmgewehr—diskutiert und Fotos von entsprechenden Schusswaffen und Munition verschickt. In einem Motherboard vorliegenden Dokument beschreibt das BKA, wie sich die Ermittler Zugang zu den Telegram-Accounts verschafft haben. Ob das gezielte Abhörverfahren allerdings wirklich von deutschem Recht gedeckt ist, ist alles andere als sicher. Die Generalbundesanwaltschaft, die die Anklage führt, glaubt, dass alles legal sei—verschiedene Juristen, die die Methode einordnen, sehen das anders und fürchten, dass das BKA außerhalb des rechtlichen Rahmens operiert. Die Telegram-Methode ist bereits Thema im Verfahren gegen die „Old School Society“ und dürfte in den kommenden Wochen im Gerichtssaal noch heftig diskutiert werden. (…) Motherboard konnte die Methode zusammen mit einem unabhängigen Sicherheitsforscher nachvollziehen—bei einem genaueren Blick auf das Verfahren offenbaren sich dabei auch die rechtlichen Problemstellen, die die Abhörmaßnahme besonders machen und gleichzeitig auf wackligem Grund stehen lassen. Das Eindringen in die Telegram-Accounts beginnt mit einer SMS: Die Ermittler registrieren ein eigenes Gerät im Konto des Verdächtigen, woraufhin Telegram der Zielperson eine SMS mit einem Authentifizierungscode schickt. Das BKA kann diese aufgrund der bereits bestehenden TKÜ abfangen und prompt nutzen: Die Ermittler geben den Bestätigungscode ein und melden so ihr eigenes Gerät an. Damit ist das BKA im Account des Verdächtigen. Jetzt könnten die Ermittler alle privaten Textnachrichten, Sprachbotschaften, Bild- und Videonachrichten, außer den gesondert verschlüsselten, sogenannten „geheimen Chats“, einsehen: „Eingehende Nachrichten werden nun automatisch vom Server des Dienstbetreibers auf das BKA-Endgerät übertragen“, heißt es dazu in einer Notiz des BKA. Doch nicht nur das: Auch sämtliche zurückliegende Nachrichten, soweit diese noch auf dem Server gespeichert sind, werden für die Ermittler sichtbar. Die Funktion, die sich das BKA hier zunutze macht, ist ein reguläres Telegram-Feature und soll eigentlich den Komfort für Nutzer mit mehreren Geräten erhöhen: Mit ihr kann der Inhaber eines Accounts auf mehreren Geräten gleichzeitig auf seine Telegram-Chats zugreifen—zum Beispiel, um Nachrichten nicht nur auf dem Smartphone, sondern auch auf dem eigenen iPad oder Computer senden und empfangen zu können.

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