Zwangsarbeit bei Salamander – “Die Angst der Getretenen vor dem nächsten, härteren Tritt”

Mit ihren Fingernägeln musste Vera Friedländer im Winter 1945 die Nähte ramponierter Schuhe überprüfen. Die junge Frau war Zwangsarbeiterin in einem Reparaturbetrieb. Sie ahnte: Es waren die Schuhe von Toten. “Da oben habe ich von früh bis spät Schuhe sortiert. Lauter Halbschuhe von Frauen und Männern, die gesteppt, geklebt oder neu besohlt werden mussten.” Vera Friedländer zeigt auf ein Gebäude mit Klinkerfassade in der Köpenicker Straße im Berliner Stadtteil Kreuzberg, wenige Meter von der Spree entfernt. Als 16-Jährige musste sie im letzten Kriegswinter Zwangsarbeit in einem Reparaturbetrieb des Schuhfabrikanten Salamander leisten. Hunderte ramponierter Schuhpaare wanderten täglich durch ihre Hände: “Mir tat der Rücken weh, ich musste die ganze Zeit stehen.” Noch schlimmer als die körperlichen Strapazen war die ständige Angst um ihr Leben. Denn sie war sogenannte Halbjüdin. Schon die kleinste Nachlässigkeit hätte sie ins KZ bringen können. (…) Friedländer schildert, wie eine SS-Aufseherin ihr unerbittlich einen Stock in den Rücken stieß und sie anherrschte: “Ein bisschen Tempo, wenn ich bitten darf!” Sadistisch zwang sie das Mädchen, Schuhnähte mit den bloßen Fingernägeln auf ihre Festigkeit zu überprüfen. Im Nu nutzten sich die Nägel an den scharfen Kanten ab, die Haut entzündete sich. “Meine Fingerspitzen waren eine verquollene Masse”, erinnert sie sich. Woher kamen bloß all diese Schuhe? Und wie sollten ihre Besitzer sie jemals zurückbekommen, wenn deren Namen nirgendwo notiert waren? Die schreckliche Ahnung, Hinterlassenschaften von Toten in den Händen zu halten, ließ sie bald nicht mehr los. Friedländer, die eigentlich anders heißt, trägt als Buchautorin den Nachnamen jüdischer Verwandter, die in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ein Großteil ihrer Familie hat den Holocaust nicht überlebt. Die Erinnerung an die besitzerlosen Schuhe bewegte sie dazu, sich mit der Firmengeschichte von Salamander im Dritten Reich zu befassen. Mithilfe von historischem Archivmaterial und Sekundärquellen machte Friedländer sich ein Bild von den Geschehnissen, die sie als Zwangsarbeiterin nicht selbst miterlebt hatte. So erklärt die Historikerin Petra Bräutigam in ihrem Buch “Mittelständische Unternehmen im Nationalsozialismus”, wie sich Salamander-Generaldirektor Alex Haffner nach der “Machtergreifung” rasch dem neuen Regime angedient und bereits 1933 im Namen der Firma 10.000 Reichsmark zu Hitlers Geburtstag gespendet habe. Zum Dank habe Hitler ihn zum Tee eingeladen. Die Schuhmarke Salamander war bereits im Jahr 1904 eingetragen und schnell beliebt geworden, ab 1937 auch durch die Comicfigur Lurchi. Im Nationalsozialismus wurden jüdische Teilhaber, die gut die Hälfte der Salamander-Aktien besaßen, binnen kürzester Zeit aus dem Unternehmen verdrängt, wie Aktionärsverzeichnisse belegen. Fotos dieser Dokumente sind in Vera Friedländers Buch abgebildet. Demnach “arisierte” sich Salamander offenbar selbst, um mit den Nazis einträgliche Geschäfte zu machen.(…) Laut ihrem Arbeitsbuch – das Hakenkreuz auf dem Einband kratzte sie später weg – wurde Vera Friedländer bei Salamander als “Hilfsarbeiterin” registriert. In seinem Reparaturbetrieb brauchte Salamander als “kriegswichtige” Firma dringend Arbeitskräfte. Denn Schuhe für die Wehrmacht, die SS und die Zivilbevölkerung waren wegen knapper Rohstoffe Mangelware. Daher wurden auch Materialien entwickelt, die Leder ersetzen sollten. Das mörderische “Schuhläufer-Kommando” Friedländer beruft sich außerdem auf Forschungsergebnisse der Historikerin Anne Sudrow: Demnach hatte Salamander von unmenschlichen Experimenten mit KZ-Häftlingen nicht nur Kenntnis, sondern unterstützte sie auch. Im Frühjahr 1940 wurde im KZ Sachsenhausen eine “Schuhprüfstrecke” angelegt. Die 700 Meter lange, halbrunde Laufbahn war abwechselnd mit Beton, Schotter, Sand und feuchtem Lehm belegt. Häftlinge mussten dort von morgens bis abends marschieren. So ließen Schuhhersteller die Strapazierfähigkeit ihrer Produkte testen. Wie sich der Niederländer Josef Snep später erinnerte, passten die zugeteilten Schuhe meist nicht und verursachten bald höllische Schmerzen. Mit bis zu 30 Kilo Gepäck mussten die völlig unterernährten Gefangenen täglich etwa 30 Kilometer laufen. Wer zusammenbrach, wurden von SS-Männern per Genickschuss getötet.

via spon: Zwangsarbeit bei Salamander – “Die Angst der Getretenen vor dem nächsten, härteren Tritt”

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