„Corelli“ Wilde Gerüchte um Tod eines V-Manns aus Halle

Vor drei Jahren flog der Hallenser Thomas Richter alias „Corelli“ als Spitzen-Spitzel des Verfassungsschutzes auf.. Um den Tod des 39-Jährigen mit NSU-Kontakten mitten im Zeugenschutzprogramm ranken sich seitdem wilde Gerüchte. Der Mann war offensichtlich überhastet verschwunden. Auf einem Tisch liegt noch seine AOK-Karte, auf einem Schränkchen die Kündigung des Mail-Accounts. Die Sammlung von Modellautos Marke VW Corrado – und eine Sammelbox mit der Aufschrift „Schwarze Sonne“ sind ebenso noch da wie die  Standuhr mit dem roten „Blood&Honour“-Logo. Alles unberührt, der Hausherr über Nacht verschwunden. Im Sommer 2012 war der Hallenser Thomas Richter urplötzlich untergetaucht. Der Mann, dessen Name auf einer Telefonliste des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) stand, der Mann, auf dessen Internetseite der Begriff NSU auftauchte, als noch niemand von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wusste, war fort. Es ist der Anfang des letzten Kapitels eines rätselhaften Lebens, das  nur immer noch rätselhafter wurde. Richter, 37 Jahre alt, war beides: führender Nazi-Kader und Superquelle des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV). (…) HJ-Tommy ist kein Anführer, sondern der Strippenzieher im Hintergrund. Immer da, immer nahe bei den Anführern. Aber eher Beobachter als Aktivist. Tommy kümmert sich um die ersten Internetseiten der Bewegung. Er mietet Serverkapazitäten im Ausland und meldet als „Volkssturm Productions“ in Südamerika  Domainadressen an – etwa für den „Nationalen Beobachter“, eine rechtsextreme Internetseite, die Richter von seiner Wohnung aus betreibt. 300.000 Euro bis zum Ende seiner Laufbahn kassiert Seine Kameraden staunen nicht schlecht, wie es HJ-Tommy gelingt, dem Verfolgungsdruck durch die Behörden auszuweichen. „Keiner wusste, wie er das immer machte“, sagt ein damaliger Bekannter. Als ein Nutzer im Forum des Nationalen Beobachters den Eintrag „man sollte mal ein paar Rote um die Ecke bringen“ hinterlässt, stürmt die Polizei die Wohnung in der halleschen Schiedstraße. Rechner und Datenträgern werden beschlagnahmt.  Die Ermittler werfen dem Mann, der als Spitzenquelle  des Inlandsgeheimdienstes bis zum Ende seiner Laufbahn rund 300.000 Euro kassieren wird, öffentliche Aufrufe zu Gewalttaten, Volksverhetzung und die Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole vor.
Doch zum Prozess kommt es nicht. Thomas Richter bleibt ungeschoren. Es gibt keine Anklage, weil – so wird Jerzy Montag, Sonderermittler des Bundestages, später herausfinden – Corellis V-Mann-Führer bei der Staatsanwaltschaft auf eine Einstellung des Verfahrens dringt. (…) Der Hallenser ist zu wertvoll als Informant. Er fliegt auf Verfassungsschutzkosten zu Ku-Klux-Klan-Treffen in die USA, er versorgt  den Geheimdienst mit Informationen über die Geldflüsse in der Szene und er erstattet Bericht über die Gefühlslage am rechten Rand. Das BfV ersetzt ihm sogar beschlagnahmte Rechner, Festplatten und Telefone, damit die Infos weiter fließen können. Nun aber soll er schnellstmöglich eine sogenannte Abschalterklärung unterzeichnen und bestätigen, dass er keine finanziellen Forderungen gegenüber dem BfV mehr habe. Thomas Richter: Ein Agent im Ruhestand Thomas Richter weigert sich. Er erhält  einen Lohnersatzbetrag von mehr als 800 Euro vom Amt, das ihm zudem einen Sprachlehrgang bezahlt. Auch die Miete für eine Wohnung im ostwestfälischen Schloß Holte-Stukenbrock übernimmt der Staat, verbunden mit der Auflage, den Kontakt mit seinem  Agentenführer abzubrechen. Betreut wird Dellig nun von anderen Mitarbeitern des BfV, die auch beim Ausräumen der Leipziger Wohnung und  der Einlagerung  des Hausrats helfen. Ein Agent im Ruhestand, der alles verloren hat. Bis Thomas Richter doch noch einmal interessant wird, als ein Zuträger des Hamburger Verfassungsschutzes eine Daten-CD findet, die den Begriff NSU enthält. Der Mann erinnert sich, die CD von Richter erhalten zu haben, dem Mann, dessen Name schon auf der Telefonliste des NSU aufgetaucht war. (…) Schon zwei Tage bevor die CD beim BfV eintrifft, hat sich Thomas Dellig per SMS bei seinen Betreuern krankgemeldet. Telefonanrufe nimmt er danach nicht mehr an, auf SMS antwortet er nicht. Am Nachmittag des 7. April gehen die Beamten schließlich nachschauen. Als der Vermieter den beiden angeblichen Freunden seines neuen Mieters die Tür öffnet, liegt Thomas Richter unbekleidet auf dem Bett. Der 37-Jährige ist tot. Offizielle Todesursache von Thomas Richter alias „Corelli“: Diabetische Stoffwechselentgleisung Eine diabetische Stoffwechselentgleisung, verursacht durch eine unerkannte Zuckererkrankung, soll die Todesursache sein. Doch in den Wochen und Monaten danach mehren sich die Zweifel. Immer wieder tauchen erst neue Handys, Tablets und Laptops auf, die Richter nutzte. Später sind es SIM-Karten, die er bei seinen V-Mann-Führern abgab und die  danach irgendwo in einem Tresor  verschwanden.  Keine wirklichen Hinweise, sondern zahllose Ungereimtheiten nährten den Verdacht, Thomas Richter könne tiefer in die Strukturen  des NSU eingebunden gewesen sein, als seine V-Mann-Führer jahrelang glaubten.
Sein Tod kurz vor einer erneuten Befragung dazu verstärkten den Eindruck, hier sei etwas nicht  mit rechten Dingen zugegangen.

via mz-web: „Corelli“ Wilde Gerüchte um Tod eines V-Manns aus Halle

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