Heil Kräuter

Vor achtzig Jahren schuf das NS-Regime den Reichsnährstand. Hier wurde der Bauer zum Mysterium, Vollkornbrot zum Politikum – und deutsche Karrieren nahmen ihren Lauf. Auf der Plantage war Himmler gern zu Besuch und sah nach dem Rechten. Dort fragte er bei seinen Brüdern von der SS, ob alles in Ordnung sei im biologisch-dynamischen Kräutergarten. Alles war stets in allerbester Ordnung: Man sah Gladiolen, Thymian und Pfefferkraut in langen Reihen der Sonne entgegen sprießen. Der biologisch-dynamische Kräutergarten stand am Rande des Konzentrationslagers Dachau. Die vielen hundert Häftlinge, die jeden Morgen als Arbeitssklaven hergetrieben wurden, fuhren erst mit Schubkarren Säcke voller Bio-Heilkräuter über das Gelände – und später die ausgemergelten Leichen der Häftlinge, die den Tag nicht überlebten.(…) Der Kräutergarten war einer von vielen Orten, an denen die NS-Herrscher an den Rädchen der Volksgesundheitsmaschine drehten. Die zentrale Organisation für dieses Vorhaben wurde im September vor achtzig Jahren gegründet: der Reichsnährstand. Ihm mussten sich 17 Millionen Menschen anschließen – Landwirte, der Handel und die Ernährungswirtschaft, Bauernverbände, der Raiffeisenverband, Banken wie die Münchner Hypothekenbank sowie die agrarische Wissenschaftsgesellschaft DLG. Er hatte Zehntausende Mitarbeiter und sollte aus Landwirten – im Jargon der Nazis – wieder wahrhafte Bauern machen (und aus den Bauern, die es noch nicht waren, Nationalsozialisten). Die Bauern, aber auch die Ernährung jedes Menschen sollten von hier aus kontrolliert werden. Der Chefideologe des Reichsnährstands ist Richard Walther Darré, Reichsbauernführer und Landwirtschaftsminister zugleich. Für den ersehnten Krieg bauen andere Waffen und Straßen, Darré soll die Krieger satt machen und gesund. Er soll das Reich zur Autarkie führen, doch ihn trägt über diese praktische Anforderung der Kriegsvorbereitung hinaus eine Utopie: Er will Deutschland zu einem Bauernvolk machen. In Darrés Welt ist der deutsche Bauer, mythisch überhöht, dessen Wurzel und „Blutsquell“. Die Idee vom neuheidnischen Bauernvolk ist ihm der Gegenentwurf zur „Entartung“ der Städte. Die phantasierte Vergangenheit und Darrés Blut-und-Boden-Okkultismus passen zu Hitlers Kriegspropaganda – auch, weil es im Deutschen Reich, das „überbevölkert“ (Hitler) scheint, für ein remittelalterisiertes Bauerntum unbestreitbar zu wenig Äcker gibt.
Bevor das Morden in Osteuropa beginnt, der Raubzug um Weizen und Boden, schreibt Darré donnergrollende Bücher. Sie klingen aber zugleich wie eine Realsatire: das Schwein als Kriterium für nordische Völker und Semiten, Bauerntum als Lebensquell der nordischen Rasse, Neuadel aus Blut und Boden, oder: Schweinemord. Darin konstruiert er eine jüdische Weltverschwörung, deren perfideste Tat 1915 eine politisch verordnete Massenkeulung von Schweinen gewesen sei, die zu Fettmangel im Volk und dadurch zur Kriegsniederlage geführt habe. Der erste „grüne Nazi“ Darré und Himmler sind sich nahe als Mitglieder der völkischen Siedlungsbewegung der Artamanen. Die wurzelt in der Lebensreformbewegung und verbindet ein idealisiertes Landleben mit der Rassenideologie.

via FAZ: Heil Kräuter

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