Noch einmal Auschwitz: Der Fall Hubert Z.

Sie waren nur mittelbar beteiligt, werden aber nun doch zur Rechenschaft gezogen: Alte Männer, die in Konzentrationslagern Dienst taten. Und das nicht nur an der Rampe. Zum Beispiel der 95-jährige Hubert Z. Alles war vorbereitet: der große Saal im Landgericht Neubrandenburg war bis auf den letzten Platz besetzt. Extra für diesen einen Prozess war die Kapazität des Gerichtssaals durch Mauer-Durchbrüche vergrößert worden. Nicht genug: Eine zusätzliche Sicherheitsschleuse und ein Extraraum für die Medienvertreter waren erstellt. Journalisten aus Amerika und Israel hatten sich angekündigt. Ende Februar sollte das Verfahren gegen Hubert Z. beginnen, doch genau er, der Angeklagte, fehlte. Seine Gesundheit lasse ein Erschienen nicht zu, bestätigte damals eine Notärztin – zu hoher Blutdruck.Am 17. Mai nimmt das Gericht einen neuen Anlauf, die Rolle des Hubert Z. als Sanitäter in Auschwitz zu durchleuchten. Die Frage, ob er verhandlungsfähig ist, bleibt. Ein Dilemma in allen späten NS-Prozessen, in denen sich über 90-Jährige nach mehr als 70 Jahren für ihr Handeln verantworten müssen. Jahrzehntelang hatte sich die deutsche Justiz für die, die nicht selbst an Tötungen in Konzentrationslagern beteiligt waren, nicht interessiert. Wieder wird der Prozess vertagt. Im nächsten Versuch kann nun verhandelt werden. Der betagte Beschuldigte erscheint an diesem Montag (12.09.2016) vor Gericht im Rollstuhl. Kurz vor Prozessbeginn wurde er noch einmal amtsärztlich untersucht. Hunderte potentieller Angeklagter sind inzwischen gestorben, ohne dass sie juristisch belangt worden wären. Einigen wenigen letzten Überlebenden der Tätergeneration wird nun spät der Prozess gemacht. Das Versagen der Justiz gilt längst als “zweite Schuld” der Deutschen. Von 6500 SS-Wachmännern in Auschwitz wurden bislang 49 verurteilt. Zum Vergleich: Polnische Gerichte urteilten in knapp 700 Fällen. Allein in Auschwitz waren 1,1 Millionen Juden, sowie Zehntausende nichtjüdische Polen, sowjetische Kriegsgefangene, Sinti und Roma umgebracht worden. (…) Im Februar 2014 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den damals 93-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord in mehreren Tausend Fällen. Er soll zum Funktionieren der Tötungsmaschinerie in Auschwitz mit beigetragen haben. Zunächst lehnte das Gericht ein Verfahren gegen den Greis aus gesundheitlichen Gründen ab. Erst eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft Rostock macht den Prozess jetzt möglich. Emotionen schon vor dem ersten Prozesstag Schon im Vorfeld des Neubrandenburger Auschwitz-Prozesses sorgte das Gericht für bundesweite Schlagzeilen, als es einen Nebenkläger nicht zuließ. Der Auschwitz-Überlebende hatte angegeben, dass er und seine Familie mit einem Zug in Auschwitz angekommen waren. Ein Zug, der nicht auf der Liste der insgesamt 14 Deportationszüge steht, die Gegenstand des Verfahrens gegen Hubert Z. sind. Auch hier musste erst eine höhere juristische Instanz intervenieren, um den Nebenkläger zu zulassen. Und auch Staatsanwaltschaft und Verteidigung lieferten sich emotionsgeladene, öffentliche Scharmützel. Peter-Michael Diestel, der letzte DDR-Innenminister und einer von drei Verteidigern von Z., hatte gesagt, der Prozess sei ein Todesurteil für seinen Mandanten. Die Auschwitz-Überlebenden waren empört. Und auch die Staatsanwaltschaft war nicht zimperlich. Sie unterstellte Z. blutdrucksteigernde Mittel einzunehmen, um für prozessunfähig erklärt zu werden.

via deutsche welle: Noch einmal Auschwitz: Der Fall Hubert Z.

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