Extreme Rechte im Wendland – Wendland färbt sich grün-braun

In die Gegend zwischen Lüneburg und Lüchow ziehen vermehrt „völkische“ Siedler. Sie wirken harmlos, sind aber in Nazi-Netzwerke eingebunden. Beim Durchfahren wirkt das Wendland wie die pure Idylle. Wiesen und Wälder wechseln sich ab, kleine Fachwerk-Städte und Dörfer mit Lehmhäusern verschmelzen mit der Landschaft. An den Grundstücken stehen viele gelbe Anti-Castor-Kreuze und an den Häusern hängen Transparente gegen die Atom-Politik. Kleine Schilder weisen am Straßenrand auf ökologische Höfe und Bio-Cafés hin.(…) In der grünen Idylle lebt aber auch braune Provinz: Die Lüneburger Heide und das Wendland ziehen Menschen an, die politisch weit rechts stehen. Sie sind in der NPD aktiv, kommen aus Freien Kameradschaften oder völkischen Zusammenhängen. Bei einem Brauchtumsfest am 1. Mai diesen Jahres zeigte sich, dass auch Beziehungen zur AfD bestehen. In diesem Milieu ist der Mann noch der Mann, und die Frau die Frau. Die Männer arbeiten als Handwerker, Ökobauer, Lehrer oder Physiotherapeut, die Frauen sind Hausfrauen oder üben Sozialberufe aus. Rechte Siedler hier? Gern wird das politische Phänomen im Osten verortet – und im Westen verdrängt. Umweltbewusst und rechts Und in der Tat haben sich etwa in der Gegend ums mecklenburgische Güstrow rechte Familien angesiedelt, die zusammen auf über 60 Kinder kommen. Seit Jahrzehnten leben solche Familien allerdings auch in Niedersachsen: an Orten wie Masendorf, Toppenstedt, Bienenbüttel, Hohnstorf, Seedorf oder Wibbese.
Über 30 Familien sollen zu diesem Milieu gehören. Sie sind ökologisch ausgerichtet, leben naturverbunden und bringen sich in entsprechende Proteste ein. An der Hofeinfahrt einer Familie hängt ein großes Schild: „Keine A 39“, darunter steht ein breiter Naturstein mit eingemeißeltem Familiennamen und Wolfsangel, dem nationalsozialistischen Symbol für Wehrhaftigkeit. Umweltbewusst und rechts – diese Verbindung ist typisch für völkische Bewegung und ihre Gedankenwelt.(…) Der ehemalige Wendländer Claus Brandt erzählt von einer Anzeige eines verstorbenen Apothekers, Wolfgang Fachmann, der sich auf Naturheilkunde spezialisiert hatte. 1987 veranlasste dieser eine ganzseitige Traueranzeige für Rudolf Heß in einem Uelzener Anzeigenblatt. Bis heute gehört die Familie zum rechten Wendland-Netzwerk. „Die fielen schon auf“, berichtet Nicole Franke, in den 1990ern Schülerin an der Wilhelm Raabe-Schule in Lüneburg, über Kinder aus der rechten Szene, die mit ihr zur Schule gingen. „Das Mädchen kam immer in langen Röcken, Bluse und Zöpfen – fast BDM-Style, dachte nicht bloß ich“, sagt sie, „der Junge hatte kurze Lederhosen an.“ Die beiden waren in der Minderheit. „Die hatten es nicht leicht, wegen uns.“ Im vergangen Jahr stand eine der Familien wegen des tragischen Todes ihres Kindes Sighild B. vor dem Landgericht Hannover. Ihrem vier Jahre alten Kind gaben sie nicht das nötige Insulin, da sie der „Germanischen Neuen Medizin“ anhingen. Das Gericht verurteilte sie wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen.

via taz: Extreme Rechte im Wendland – Wendland färbt sich grün-braun

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